"Ich kaufe regional und saisonal"
Berliner Zeitung
- Datum:
- 18.02.09
Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner in der Berliner Zeitung über die Krise der CSU, genveränderte Äpfel und den Gang auf den Wochenmarkt. Ministerin Ilse Aigner (CSU) erklärt, warum sie in einen Gen-Apfel beißen würde, in der Gentechnik aber trotzdem keinen Sinn sieht.
Frage: Frau Aigner, Sie sitzen jetzt seit gut 100 Tagen am Kabinettstisch. Was hat Sie da am meisten überrascht?
Antwort: Im Kabinett wird konstruktiver gearbeitet, als viele denken. Ich befürchte allerdings, dass sich das jetzt ändert. Der Wahlkampf wirft seine Schatten voraus.
Frage: Kann man in so kurzer Zeit bis zur Bundestagswahl als Minister überhaupt noch etwas bewirken?
Antwort: Sicher. Heute beschließen wir im Kabinett ein Gesetz, das die Anleger vor Falschberatung schützt. Wir wollen die Qualität von Pflegeheimen verbessern. Wir kümmern uns um die neue europäische Agrarpolitik. Es gibt noch viel zu tun.
Frage: Es drängt sich derzeit der Eindruck auf, den CSU-Ministern geht es zuerst um das Wohl der Partei, dann das Wohl Bayerns und erst zum Schluss um das Wohl des Landes.
Antwort: Unsinn. Ich bin für achtzig Millionen Verbraucher zuständig. Von Rügen bis Berchtesgaden.
Frage: Als CSU müssen Sie aber besonders auf Ihre bäuerliche Klientel achten.
Antwort: Landwirtschaft ist immer wichtig. Und zwar überall.
Frage: Sie sind keine Agrarexpertin. Der neue Wirtschaftsminister zu Guttenberg ist kein Wirtschaftsexperte. Ist es neuerdings ein Markenzeichen von CSU-Ministern fachfremd zu sein?
Antwort: Ich bin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zuständig. Für diese Bandbreite gibt es gar keine Fachausbildung. Entscheidend ist, dass man sich schnell einarbeitet und unvoreingenommen an die Sache rangeht. Das tue ich. Das tut Herr zu Guttenberg.
Frage: Als Forschungspolitikerin galten Sie als Fan neuer Technologien. Sind Sie das immer noch?
Antwort: Wenn neue Technologien dem Menschen nutzen, ja. Gentechnik anstelle der Einhaltung der guten fachlichen Praxis lehne ich ab.
Frage: Wieso?
Antwort: Die grüne Gentechnik bringt dem Menschen hierzulande bisher keinen erkennbaren Nutzen. Die Verbraucher lehnen genveränderte Pflanzen ab. Die Landwirte wollen sie nicht.
Frage: Haben Sie eigentlich schon einmal in einen Gen-Apfel gebissen?
Antwort: Nein. Die werden in Deutschland doch gar nicht angebaut.
Frage: Aber im Ausland.
Antwort: Das stimmt. In den USA sind viele Obst- oder Gemüsesorten aus genveränderten Bestandteilen.
Frage: Wäre Ihnen wohl, das zu essen?
Antwort: Ich hätte kein Problem damit. Jedes Stück Obst besteht doch aus Genen. Auf meine persönliche Haltung kommt es aber nicht an.
Frage: Sehen Sie gar keine Chancen durch die Gentechnik auf dem Acker?
Antwort: Wir kommen mit unserer Landwirtschaft doch gut zurecht. Bei nachwachsenden Rohstoffen oder in anderen Ländern mag die Gentechnik mehr Bedeutung haben.
Frage: Der bayerische Umweltminister will sogar den ganzen Freistaat zur gentechnikfreien Zone erklären.
Antwort: Inhaltlich unterstütze ich das voll und ganz. Leider gibt es EU-rechtlich aber kaum Spielräume. Wir suchen fieberhaft nach einer Lösung, die es einzelnen Regionen oder Ländern ermöglicht, sich auf freiwilliger Basis zur gentechnikfreien Zone zu erklären.
Frage: Bayern hat Sie bereits aufgefordert, alle Freilandversuche zu stoppen. Werden Sie dem nachkommen?
Antwort: Ich rate dem Bundessortenamt, nicht gerade in denjenigen Regionen, in denen die Gentechnik besonders umstritten ist, Freilandversuche zu planen. Ganz verbieten kann man sie nicht, so lange einzelne Sorten zugelassen sind.
Frage: Naturschützer fordern, der einzigen zugelassenen Genmaissorte MON 810 die Zulassung zu entziehen.
Antwort: Das ist nicht so einfach, weil die Firmen einen Rechtsanspruch auf eine Zulassung haben.
Frage: Frankreich und Italien haben MON 810 aber auch verboten.
Antwort: Dort ist die Rechtslage auch anders. Bei uns sind die Firmen aber verpflichtet, den Anbau im Rahmen eines Monitoringplans streng zu überwachen. Ich werde jetzt überprüfen, ob diese Monitoringauflagen eingehalten werden. Wenn nicht, dann werde ich handeln.
Frage: Was würde das heißen?
Antwort: Dann werde ich die Zulassung von MON 810 widerrufen.
Frage: Sie haben also den politischen Willen, den Anbau der Genmaissorte im Zweifel ganz zu verbieten?
Antwort: Ja.
Frage: Einst war die CSU offen für die Gentechnik. Jetzt klingt das ganz anders. Woher kommt der Kurswechsel?
Antwort: Beim Genmais ist kein Mehrwert erkennbar. Allerdings darf man sich auch nicht künstlich dumm stellen. Man muss erforschen, wie sich genveränderte Pflanzen aufs Ökosystem auswirken, auf Insekten etwa. Da kann man sich nicht auf die Angaben des Herstellers verlassen.
Frage: Wo und was kaufen Sie als Ernährungsministerin eigentlich so ein?
Antwort: Ich gehe überall hin, auch auf den Wochenmarkt, schon alleine aus Neugier. Ich schaue immer auf ausgewogene Ernährung. Ich kaufe möglichst regional und saisonal.
Frage: Keine Äpfel aus Neuseeland also?
Antwort: Es gibt auch deutsche Äpfel. Ich gebe allerdings zu, dass es keine deutschen Bananen gibt.
Frage: Wann gibt es beim ewigen Streit um die Nährwertkennzeichnung denn endlich eine Lösung?
Antwort: Solange die EU sich nicht einigt, kann Deutschland keine verpflichtende Reglung einführen. Wir haben aber eine sehr gute freiwillige Regelung, mit der 80 Prozent der Verbraucher zufrieden sind: unser "1 plus 4"-Modell der erweiterten Nährwertinformation. Daraus kann der Verbraucher zum Beispiel erkennen, welchen Anteil an Zucker ein bestimmtes Produkt an der empfohlenen Tagesration enthält. Ich würde unsere Regelung gerne als verpflichtend auf europäischer Ebene durchsetzen. Derzeit prüfe ich, ob es eine bessere visuelle Darstellung geben kann.
Frage: Eine Ampel?
Antwort: Die Schwierigkeit bei der Ampel ist die Abgrenzung. Wann ist etwas noch gelb, wann schon rot? Ist Müsli rot, weil es viele Kalorien hat, obwohl es gesund ist? Entscheidend ist für den Verbraucher, dass er auf einen Blick erkennt, wie viel von seinem Tagesbedarf gedeckt ist. Wenn ich nur einen Schokoriegel esse und sonst den ganzen Tag keinen Zucker - wozu muss dann eine rote Kennzeichnung her?
Quelle: Berliner Zeitung
- Interview mit:
- Bundesministerin Ilse Aigner
- Fragen von:
- Jörg Michel und Daniela Vates





