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Übertragung von aviären Influenzaviren auf Menschen

Stellungnahme des Friedrich-Loeffler-Instituts, Insel Riems, Nationales Referenzlabor für Geflügelpest, vom Februar 2005.

Influenzaviren kommen als Krankheitserreger nicht nur beim Geflügel vor, sondern auch bei Mensch, Schwein, Pferd, Nerz, Seehund und Wal. Bei Vögeln wurden bisher alle 15 HSubtypen und neun N-Subtypen nachgewiesen, hochpathogene Erregerstämme, die die Geflügelpest auslösen, gibt es aber nur bei den Subtypen H5 und H7. Beim Menschen traten bisher nur Viren der Subtypen H1N1, H2N2 und H3N2 auf, beim Schwein H1N1, H1N2 und H3N2, beim Pferd H3N2 und H7N7.

Influenzaviren lassen sich nicht einfach von einer Tierart auf die andere übertragen, auch nicht innerhalb des gleichen Subtyps. Verantwortlich für diese Speziesspezifität sind die Zellrezeptoren, die die Viren benötigen, um in eine Zelle einzudringen und die Infektion in Gang zu setzen. Vögel tragen auf ihren Zellen α 2-3- Galactose-Sialinsäure und an diese können sich nur aviäre Influenzaviren (AIV) anheften. Humane Influenzaviren benötigen dagegen α 2-6- Galactose-Sialinsäure, wie sie auf menschlichen Zellen vorkommt. Aus diesem Grund ist eine direkte Übertragung von AIV auf Menschen nur schwer möglich. Da Schweine in der Schleimhaut des Atmungsapparates beide Arten von Rezeptoren tragen, ging man bisher davon aus, dass Schweine als "Mischgefäß" (mixing vessel) dienen und über sie die Übertragung und Anpassung von Influenzavirus vom Vogel zum Mensch erfolgt. Es ist aber auch bekannt, dass bestimmte Zellen im menschlichen Respirationstrakt auch den Rezeptor für aviäre Influenzaviren tragen und so grundsätzlich von aviären Influenzaviren ohne den 'Umweg' über das Schwein infiziert werden können. In den letzten Jahren wurde eine Reihe von direkten Übertragungen von AIV auf den Menschen bekannt.

Übertragungen von aviären Influenzaviren (AIV) auf den Menschen
JahrVirusGeschehen
1918H1N1Spanische Grippe, mindestens 20 Millionen Tote weltweit, nach Stevens et al. (2004) und Gamblin et al.(2004) sind alle 8 Gene aviären Ursprungs gewesen. Demzufolge scheint der Erreger direkt vom Vogel auf den Menschen übergegangen zu sein.
1996H7N7In England wird bei einer Frau mit Konjunktivitis AIV H7N7 nachgewiesen. Die Frau hatte eine Entenhaltung.
1997H5N1In Hongkong Geflügelpestausbrüche in den Geflügelmärkten. 18 Menschen infizieren sich mit dem Virus und erkranken schwer, sechs davon sind gestorben. Später wurden bei einigen Menschen mit vorherigem Geflügelkontakt auch Antikörper nachgewiesen.
1999H9N2In China Erkrankung von zwei Kindern an AIV H9N2. Dieses gering pathogene Virus ist zur gleichen Zeit bei Hühnern verbreitet und wurde auch bei Schweinen nachgewiesen.
2003H5N1Bei Besuch im Mutterland China erkranken zwei Chinesen aus Hongkong an einer H5N1-Infektion, ein Todesfall wird berichtet.
2003H7N7In den Niederlanden 255 Geflügelpestausbrüche. Bei 89 Menschen wurden H7N7 Virusinfektionen nachgewiesen, davon drei Kontaktinfektionen (konjunktival). Klinisch wurden 78 mal Konjunktivitis, fünf mal Konjunktivitis und grippeähnliche Symptome, zwei mal grippeähnliche Symptome davon ein Todesfall, vier mal ohne Symptome, festgestellt. Nachfolgende Untersuchungen auf H7-Antikörper in Kontaktpersonen geben erste Hinweise, dass eine Übertragung von H7N7 AIV von Mensch-zu-Mensch häufiger als bisher vermutet stattgefunden haben könnte.
2004H5N1In Südostasien massive Geflügelpestausbrüche in 9 Ländern. Bisheriger Verlauf in drei Wellen (Anfang 2004, Spätsommer 2004, Dezember 2004 bis heute). In Vietnam, Thailand und Kambodscha bisher insgesamt 55 Menschen infiziert und schwer erkrankt, davon 42 gestorben. In Japan nachträglicher Nachweis von Antikörpern bei Beschäftigten einer Seuchenfarm, demzufolge führt eine Infektion des Menschen nicht immer zu einer schweren Erkrankung. Das Virus führte auch zu Todesfällen bei Tigern und Leoparden sowie bei Hauskatzen und Hunden, die sich alle durch infiziertes Geflügelfleisch angesteckt haben. Bei Schweinen wurden trotz umfangreicher serologischer Untersuchungen 2004 keine Infektionen festgestellt.

Bei allen Erkrankungen von Menschen wird eine direkte Ansteckung beim Geflügel mit großen Virusmengen angenommen. Obwohl nicht alle Erkrankten nachweislich Kontakt zu Geflügelhaltungen hatten, ist oft eine Ansteckung über Geflügelmärkte oder über die Zubereitung von Geflügelfleisch nicht auszuschließen.

Bei einer serologischen Untersuchung der Beschäftigten eines Hospitals in Hanoi, in dem fünf an H5N1-Influenzavirus erkrankte Patienten gepflegt wurden, wurden keine Hinweise auf eine Mensch-zu-Mensch-Infektion gefunden, da keine Antikörper gegen H5N1 nachgewiesen werden konnten (Liem and Lim, 2005).

Jetzt gibt es jedoch sowohl in Thailand (September 2004) als auch in Vietnam (Januar 2005) Hinweise auf eine mögliche Übertragung des H5N1-Virus von Mensch zu Mensch. In beiden Fällen waren Familienmitglieder betroffen, nachdem sie schwer an H5N1-Influenza erkrankte Angehörige gepflegt und demzufolge sehr engen Kontakt hatten. Durch Untersuchungen vor Ort wurden von Gesundheitsexperten andere Ansteckungsmöglichkeiten weitgehend ausgeschlossen. Die Erkrankungsfälle in Thailand wurden sehr intensiv ausgewertet und mit molekularbiologischen Methoden wurde festgestellt, dass das Virus bei den erkrankten Familienmitgliedern identisch war. Die Gen-Sequenzierung ergab keine Veränderung an der Rezeptorbindungsstelle des Hämagglutinins und alle acht Gene stimmten weitgehend mit den aus krankem Geflügel in Thailand isolierten Viren überein. Bei Untersuchungen von Menschen in der Nachbarschaft wurden keine weiteren Infektionen festgestellt.

Demnach ist keine neue, an den Menschen angepasste Virusvariante mit veränderter Rezeptorstelle entstanden, sonder der enge Kontakt innerhalb der Familie hat durch den hohen Infektionsdruck die Übertragung ermöglicht. Die WHO und die Gesundheitsbehörden in Thailand und Vietnam fordern deshalb dringend die Anwendung vorbeugender Maßnahmen zum Infektionsschutz, auch bei der häuslichen Krankenpflege.

Die Gefahr der Entstehung eines Pandemievirus mit schneller Ausbreitungstendenz beim Mensch ist jedoch nicht gebannt. In Thailand und vor allem in Vietnam haben die Seuchenausbrüche, aber auch die Erkrankungen beim Menschen in den letzten Wochen zugenommen. Im Januar 2005 wurde in Vietnam in 579 Beständen in 28 Provinzen Geflügelpest festgestellt. Im gleichen Zeitraum sind 10 Menschen erkrankt, bei 9 davon führte die Infektion zum Tod. Auch diese hohe Rate an Todesfällen ist bedenklich.

Weiterhin wird berichtet, dass sich der Erreger verändert hat. Es wäre eine Anpassung an Hausenten erfolgt, diese würden aber nicht mehr erkranken, den Erreger jedoch über eine längere Zeit ausscheiden, so dass sie als Eregerreservoir und Ansteckungsquelle dienen können. Wenn sich diese Berichte bestätigen, ist von einer dauerhaften Etablierung des H5N1 Virus in der Region auszugehen.

Um die H5N1-Exposition von Menschen beim Kontakt mit Geflügel in Asien zu reduzieren, wird derzeit von mehreren Seiten die Impfung, insbesondere der kleineren Geflügelhaltungen in ländlichen Gebieten, vorgeschlagen. Dabei soll auch Wassergeflügel in die Impfprogramme integriert werden. Hierzu ist zu bemerken, dass bei korrekter Anwendung von inaktivierten AIV-Impfstoffen die Virusausscheidung tatsächlich drastisch reduziert wird, und damit vermutlich auch das Risiko humaner Infektionen gesenkt wird. Allerdings muss auch darauf hingewiesen werden, dass die Impfung die Selektion veränderter H5N1-Viren fördern und beschleunigen kann, insbesondere wenn nur Teilpopulationen geimpft oder Tiere nur unvollständig vakziniert werden (zum Beispiel Applikation zu geringer Dosen, Zustand der Vakzinen nicht optimal, Vakzinen nicht ausreichend geprüft).

Zusammenfassend kann bemerkt werden, dass derzeit keine Hinweise auf das Auftreten eines H5N1-Influenzavirus in Asien existieren, das die Speziesbarriere zum Menschen soweit überwunden hat, dass es in der Lage ist, leicht von Mensch zu Mensch übertragen zu werden. Die Gefahr der Entstehung eines solchen Virus in der Region Südost-Asien ist aber aufgrund der in einigen Teilen der Region wieder unkontrolliert auftretenden Geflügelpest nicht gebannt. Effektive Kontrollmaßnahmen in den betroffenen Regionen, auch unter Einbeziehung von sinnvollen Vakzinierungsstrategien, sind daher notwendig. Der Forschungsbedarf, auch des FLI, konzentriert sich daher in erster Linie auf die Übertragbarkeit auf andere Spezeis, aber auch auf die Wirksamkeit von Impfstoffen und die Auswirkungen eines Impfstoffeinsatzes.

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