Stand der Gentechnik in Forschung und Praxis
Welche gentechnisch veränderten (GV) Pflanzen sind zugelassen und wie umfangreich sind die Anbauflächen? Welche Anwendungen gibt es in der Medizin (rote Gentechnik) und Industrie (weiße Gentechnik)? Welche Bedeutung haben transgene Tiere in der Gentechnik?
Quelle: © Canakris - Fotolia.com
Die Bedeutung der Grünen Gentechnik
1995 wurde in Kanada erstmalig gentechnisch veränderter Raps kommerziell angepflanzt. Im Jahr darauf folgte die wirtschaftliche Nutzung von transgenem Soja in den USA. Inzwischen werden weltweit auf etwa 160 Millionen ha (Quelle: ISAAA Briefs No 43-2011, Februar 2012) landwirtschaftlicher Fläche transgene Soja-, Mais-, Baumwoll-, Raps, Zuckerrüben- und Kartoffelsorten ausgebracht. Von untergeordneter Bedeutung sind GV-Sorten bei Kürbis, süßem Pfeffer, Luzerne, Papaya und Pappeln. Hauptanbaugebiete sind die USA, Brasilien, Argentinien, Indien, Kanada, und China. Insgesamt wurden im Jahr 2011 in 29 Ländern GV-Pflanzen angebaut, darunter befinden sich auch acht EU-Länder.
Transgener Mais, in den das Bodenbakterium Bacillus thuringiensis (Bt) eingebaut worden ist, und eine Kartoffelsorte mit gentechnisch veränderter Stärkezusammensetzung für die industrielle Verwendung stellen die einzigen gentechnisch veränderten Organismen (GVO) dar, die in der EU kommerziell angebaut werden. Alle Maissorten sind aus MON810-Mais hervorgegangen, der in der EU seit 1998 eine gentechnikrechtliche Zulassung für den Anbau sowie als Lebens- und Futtermittel besitzt. Neben der gentechnikrechtlichen Zulassung benötigten die GV-Pflanzen für einen kommerziellen Anbau, wie alle neuen Sorten, auch eine Sortenzulassung nach dem Saatgutverkehrsgesetz. Mitte 2011 waren 220 GV-Maissorten in das EU-Saatgutregister eingetragen. Da die Amflora-Kartoffel ausschließlich im Vertragsanbau angebaut wird, ist hierfür in Deutschland eine Sortenzulassung nicht erforderlich, diese ist aber auf EU-Ebene ebenfalls erfolgt.
In der Europäischen Union, in der auf rund 114.500 ha hauptsächlich GV-Mais angebaut wurden, entfallen 85 % des GV-Anbaus auf Spanien mit rund 97.350 ha Bt-Mais. Weitere Anbauländer mit Bt-Mais sind Portugal, Tschechien, Polen, die Slowakei und Rumänien. Der Anbau der Amflora-Kartoffel erfolgte erstmalig 2010 in Tschechien (150 ha), Schweden (80 ha) und Deutschland (15 ha). Im Jahre 2011 wurde diese Kartoffel nur noch in Schweden (15 ha) und Deutschland (2 ha) angebaut.
Weitere statistische Angaben finden Sie hier:
- Standortregister für Deutschland
- Standortliste der Freisetzungen in Deutschland
- Beschreibung der Freisetzungsvorhaben in Deutschland
- ISAAA Briefs: Globale Anbauflächen kommerziell genutzter gentechnisch veränderter Pflanzen (Englisch)
Die folgenden Tabellen zeigen die Anbaufläche in Deutschland und weltweit für GV-Pflanzen.
Anbauflächen in Deutschland
| Fläche | 2008 | 2009 | 2010 | 2011 |
|---|---|---|---|---|
| GV-Mais (in Hektar) | 3.171 | kein Anbau | kein Anbau | kein Anbau |
| Mais insgesamt (in Hektar) | 2.087.000 | 2.111.000 | 2.310.000 | 2.520.300 |
| Anteil GV-Mais an Mais insgesamt (in Prozent) | 0,15 | 0 | 0 | 0 |
| GV-Kartoffeln (in Hektar) | kein Anbau | kein Anbau | 15 | 2 |
| Kartoffeln insgesamt | 260.000 | 264.000 | 254.000 | 259.400 |
| Anteil GV-Kartoffeln an Kartoffeln insgesamt | 0 | 0 | 0,006 | 0,0008 |
| Landwirtschaftlich genutzte Fläche (in 1.000 ha) | 16.925 | 16.890 | 16.704 | 16.758 |
| Anteil GV-Pflanzen an landwirtschaftlich genutzter Fläche (in Prozent) | 0,019 | 0 | 0,00009 | 0,00001 |
Anbauflächen weltweit
| Fläche | 2009 | 2010 | 2011 |
|---|---|---|---|
| GV Soja | 69,2 | 73,3 | 75,4 |
| Soja insgesamt | 90 | 103 | 100 |
| Anteil GV-Soja an Soja insgesamt | 77 % | 71 % | 75 % |
| GV-Mais | 41,7 | 46,8 | 51,0 |
| Mais insgesamt | 158 | 160 | 159 |
| Anteil GV-Mais an Mais insgesamt | 26 % | 29 % | 32 % |
| GV-Pflanzen insgesamt | 134 | 148 | 160 |
| davon Baumwolle | 16,1 | 21,0 | 24,7 |
| davon Raps | 6,4 | 7,0 | 8,2 |
| Landwirtschaftlich genutzte Fläche (2003) | 4930,3 | 4930,3 | 4930,3 |
| Anteil GV-Pflanzen an landwirtschaftlich genutzter Fläche | 2,7 % | 3,0 % | 3,2 % |
Hauptanbauländer
| Land | 2007 | 2008 | 2009 | 2010 | 2011 |
|---|---|---|---|---|---|
| USA | 57,7 | 62,5 | 64,0 | 66,8 | 69,0 |
| Brasilien | 15,0 | 15,8 | 21,4 | 25,4 | 30,3 |
| Argentinien | 19,1 | 21,0 | 21,3 | 22,9 | 23,7 |
| Indien | 6,2 | 7,6 | 8,4 | 9,4 | 10,6 |
| Kanada | 7,0 | 7,6 | 8,2 | 8,8 | 10,4 |
| China | 3,8 | 3,8 | 3,7 | 3,5 | 3,9 |
| Paraguay | 2,6 | 2,7 | 2,2 | 2,6 | 2,8 |
| Pakistan | kein Anbau | kein Anbau | kein Anbau | 2,4 | 2,6 |
| Südafrika | 1,8 | 1,8 | 2,1 | 2,2 | 2,3 |
Die Bedeutung der Roten Gentechnik
Derzeit sind in Deutschland nach Recherchen des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) mindestens 144 Arzneimittel mit 108 Wirkstoffen zugelassen, die gentechnisch hergestellt werden. Diese so genannten rekombinanten Arzneimittel machen mit rd. 4,7 Milliarden Euro bereits 16 Prozent des Arzneimittelumsatzes in deutschen Apotheken und Krankenhäusern aus (2009; gerechnet zu Herstellerabgabepreisen). Wichtige Anwendungsbereiche sind u.a. Diabetes (Insuline), Multiple Sklerose und rheumatoide Arthritis (Immunmodulatoren), Krebserkrankungen (monoklonale Antikörper), angeborene Stoffwechsel- und Gerinnungsstörungen (Enzyme, Gerinnungsfaktoren) sowie Schutzimpfungen (Gebärmutterhalskrebs, Hepatitis B).
Von allen zugelassenen Wirkstoffen sind derzeit 5 % gentechnischen Ursprungs. Ihr Anteil dürfte weiter zunehmen, da deren Anteil an den neuen Wirkstoffen, die bis 2015 zugelassen werden dürften, derzeit schon bei 28 % liegt (Quelle: VFA).
Die Bedeutung der Weißen/Grauen Gentechnik
Industrielle Anwendungen der Weißen Biotechnologie finden sich bereits in einer Vielzahl von Produkten. So erfolgt die Herstellung hochwertiger Chemikalien, Arzneimittel, Vitamine, Wasch- und Reinigungsmittel, Lebensmittelzusatzstoffe und Futtermittelzusatzstoffe oftmals mittels biotechnologischer Verfahren. Zudem kommt diese Technik bei der Veredelung von Textilien, Leder und Papier sowie Prozessen der Abwasser-, Abluft- und Abfallbehandlung und Dekontaminierung zur Anwendung.
Auch die deutsche Biotechnologie-Branche wächst beständig. Die Unternehmen liefern neuartige Produkte und effiziente Verfahren, die vor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden energiepolitischen Wende und einem Kostendruck im Gesundheitssystem zunehmend nachgefragt werden. Das belegen ein höherer Umsatz von 2,4 Milliarden Euro (+ 9 Prozent), und eine gestiegene Zahl an Mitarbeitern in der kommerziellen Biotechnologie von rund 32.500 (+ 3 Prozent). Zugenommen hat auch die Anzahl der dedizierten Biotechnologie-Firmen (2010: 538). Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben lagen 2010 bei rund 1 Milliarde Euro. Dies sind die zentralen Ergebnisse der Firmenumfrage, die die Informationsplattform biotechnologie.de im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) Anfang 2011 durchgeführt hat.
Ein hervorstechendes Beispiel für die ökonomischen und ökologischen Potenziale der Weißen Biotechnologie ist die nahezu vollständige Umstellung der herkömmlich mehrstufigen, chemisch-technischen Synthese von Vitamin B2 (Riboflavin) auf die einstufige, biotechnische Produktion (Biokatalyse) innerhalb von nur vier Jahren. Nach Angaben aus der Industrie können durch das neue Verfahren die Produktionskosten um 40 bis 50 Prozent, die Abfallmenge um 95 Prozent und die CO2-Emissionen um 30 Prozent gesenkt werden.
Eine Studie der Boston Consulting Group (BCG), die auf der Analyse von 700.000 Patentanmeldungen in 17 Technologiefeldern im Zeitraum von 1998 bis 2005 beruht, prognostiziert eine Verdreifachung des weltweiten Marktvolumens der Weißen Biotechnologie von 36 Mrd. Euro (2003) auf 110 Mrd. Euro im Jahr 2015 bei einem angenommenen jährlichen Wachstum von 10 Prozent. Deutschland könnte durch die exzellente Grundlagenforschung und die zunehmende Anzahl von Unternehmen an dieser Entwicklung maßgeblich teilhaben. Der Studie zufolge nimmt Deutschland im Bereich der Weißen Biotechnologie im internationalen Vergleich hinter den USA und Japan den dritten Platz bei Patentanmeldungen ein. In der EU hat es sogar die Führungsrolle inne. (Quelle: VDI, Ernst & Young, Boston Consulting Group)
Weitere Informationen:
- Weiße Biotechnologie: Broschüre des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
- Weiße Biotechnologie Ökonomische und ökologische Chancen: Broschüre des Umweltbundesamtes (UBA)
Die Bedeutung von transgenen Tieren in der Gentechnik
Für die menschliche Ernährung haben gentechnisch veränderte Tiere keine praktische Bedeutung. Dagegen ist im Bereich Medizin seit dem Jahr 2008 in Europa ein Medikament auf dem Markt, das in der Milch von transgenen Ziegen produziert wird. Außerdem haben einzelne transgene Fischarten bereits Marktreife erlangt. Hierbei handelt es sich Aquarienfische ("leuchtende" Zebrafische), die in Taiwan und in den USA zugelassen worden sind. Transgene Speisefische, die in Aquakulturen gehalten werden, sind dagegen weltweit noch nicht im Handel zu finden. Neben der Prüfung der Lebensmittelsicherheit müssen auch die Umweltfolgen einer Zulassung berücksichtigt werden. Befürchtet wird vor allem, dass transgene Fische aus den Zuchtstationen entkommen und die Wildbestände verdrängen könnten. Die Zulassung eines transgenen Lachses, der deutlich schneller sein Endgewicht erreicht als seine natürlichen Artgenossen, wird nach einer Entscheidung des US-Repräsentantenhauses im Juni 2011 gegenwärtig von der zuständige Lebensmittelbehörde FDA nicht weiter verfolgt.

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