Zukunftschancen des ökologischen Landbaus
Rede zur Eröffnung der BioFach und Vivaness 2012
- Datum:
- 15.02.12
- Ort:
- Nürnberg
- Redner:
- Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Gerd Müller
- 1. Einleitung
- 2. Indien – Land des Jahres
- 3. Der Biomarkt wächst weiter
- 4. Verlässliche Rahmenbedingungen
- 5. Weltweite Herausforderungen
- 6. Eröffnung
Es gilt das gesprochene Wort!
Anrede,
Der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Gerd Müller bei seiner Rede zur Eröffnung der Biofach 2012, Quelle: BLE
1. Einleitung
Ich freue mich, Sie alle im Namen von Frau Bundesministerin Aigner zur Eröffnung der BioFach und der Vivaness 2012 hier in Nürnberg begrüßen zu können.
Frau Bundesministerin kann wegen der heute stattfindenden Kabinettsitzung leider nicht hier sein. Sie lässt Ihnen herzliche Grüße ausrichten und wünscht der BioFach und der Vivaness einen guten und erfolgreichen Verlauf.
Ich bin gerne wieder nach Nürnberg gekommen. Hier ist die Vielfalt der Ökoprodukte aus nah und fern erlebbar und greifbar. Es ist mir eine besondere Freude, dass auch in diesem Jahr wieder so viele Teilnehmer und Aussteller den Weg hierher gefunden haben. Ihnen allen, meine Damen und Herren, ein herzliches Willkommen in Nürnberg.
2. Indien – Land des Jahres
Meine Damen und Herren,
es ist eine gute Tradition der BioFach, ein Land des Jahres zu präsentieren. Da erwartet uns dieses Jahr etwas ganz Besonderes, ein richtiges Highlight. Als erster asiatischer Staat wurde Indien zum Land des Jahres ausgewählt. Ein Land mit über 1,2 Mrd. Einwohnern, ein Land voller Gegensätze und ein wirtschaftlich sehr erfolgreiches Land.
Mit über 1 Million Hektar ökologisch bewirtschafteter Fläche ist Indien schon jetzt ein bedeutendes Bio-Land. Es bereichert die Welt mit einer Vielzahl von Bioprodukten. Angefangen von Bio-Baumwolle – Indien ist hier der weltgrößte Lieferant – über Tee und Kaffee bis hin zu Obst, Gemüse und Ölsaaten.
Indien strebt einen massiven Ausbau seiner Bioflächen an. Dabei hat Indien nicht nur die Exportmärkte im Blick, sondern auch den beständig wachsenden Binnenmarkt. Das ist gut so. Das hilft den vielen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und das stärkt die regionalen Wertschöpfungsketten.
Ich bin mir sicher, dass Indien die kulinarischen und kulturellen Angebote der BioFach hervorragend ergänzen wird. So werden uns nicht nur eine Fülle von Bio-Lebensmitteln, sondern auch Ökotextilien aus traditioneller indischer Handwerks-kunst präsentiert. Ebenso sicher bin ich mir, dass wir einen farbenfrohen, fröhlichen und herzlichen Auftritt Indiens erleben werden. Darauf freue ich mich besonders.
3. Der Biomarkt wächst weiter
Wenn wir über den globalen Biomarkt sprechen, reden wir mittlerweile schätzungsweise über rund 60 Milliarden US Dollar. Das ist gegenüber dem Jahr 2000 – also in 10 Jahren – eine Verdreifachung.
Meine Damen und Herren,
welche andere Branche kann mit solchen Wachstumsraten aufwarten?
Natürlich ist die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise nicht spurlos am Biomarkt vorbeigegangen. Insbesondere in Europa konnten die zum Teil zweistelligen Wachstumsraten nicht gehalten werden. Bemerkenswert ist aber, dass der Biomarkt auch in der Zeit der Krise weiter gewachsen ist. Ganz offensichtlich stehen Bioprodukte für Werte, auf die Verbraucherinnen und Verbraucher auch in Zeiten, in denen der Gürtel enger geschnallt werden muss, nicht verzichten wollen. Das zeigt mir: Der ökologische Landbau ist fest etabliert, er hat seinen Platz gefunden. Nach den vorliegenden Einschätzungen erholt sich der Markt aber wieder und kann in Deutschland im Jahr 2011 wohl wieder an die früheren zweistelligen Wachstumsraten anknüpfen.
Der Markt für Bioprodukte ist inzwischen in vielen Segmenten ein internationaler Markt. Der Handel deckt seinen Bedarf da, wo die Ware in der geforderten Quantität und Qualität zu seiner Preisvorstellung verfügbar ist. Damit sind beachtliche Chancen verbunden, aber natürlich auch Risiken z. B. mit Blick auf die gesicherte Rückverfolgbarkeit. Die weltweite Verflechtung der Wirtschaft ist Motor für die ökonomische Dynamik und für Wohlstand.
Es ist ein guter Start in das Jahr 2012, wenn die Vereinigten Staaten von Amerika und die Europäische Kommission heute und hier auf der BioFach ihre langjährigen Verhandlungen über die gegenseitige Anerkennung der Öko-Standards durch ein Gleichwertigkeitsabkommen abschließen. Dazu meine herzlichen Glückwünsche an Frau Staatssekretärin Merrigan und Herrn Kommissar Cioloş. Dieses Abkommen ist ein Lichtblick, der den gegenseitigen Handel mit Bioprodukten erleichtern und beflügeln wird.
Ereignisse zum Jahreswechsel in Europa haben uns gezeigt, dass es in der Biobranche aber auch Schatten gibt. Offensichtlich scheuen sich Einzelne nicht, mit großer krimineller Energie zu betrügen. Wir müssen also immer und immer wieder aufpassen, dass das Image von Bioprodukten und das Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher in diese Produkte und in das vorhandene Kontrollsystem nicht beschädigt werden. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten. Wir sollten schließlich nicht vergessen, dass "Bio" seine Wurzeln traditionell in der Region hat. Das ist die Stärke, die bei aller Weltoffenheit nicht verloren gehen sollte.
Weite Transporte von Bioprodukten, die auch vor Ort erzeugt werden könnten, werden zunehmend kritisch hinterfragt. Aus zahlreichen Studien wissen wir, dass der regionale Aspekt für eine zunehmende Anzahl von Verbraucherinnen und Verbrauchern, gerade auch bei Bioprodukten, von besonderer Bedeutung ist. Wie sind die Zukunftsperspektiven?
Gesunde Ernährung mit qualitativ hochwertigen Produkten, die unter Beachtung des Tierschutzes und der Nachhaltigkeit erzeugt wurden, genießen eine zunehmende Wertschätzung. Daran gilt es auch weiterhin anzuknüpfen.
4. Verlässliche Rahmenbedingungen
Meine Damen und Herren,
wenn wir über die Zukunftsperspektiven reden, müssen wir neben der Nachfrage auch über die Rahmenbedingungen für die Angebotsseite reden. Diese müssen angemessen und verlässlich sein. Unternehmen, ob Landwirte, Verarbeiter oder Händler, müssen wissen, was auf sie zukommt. Nur so sind verlässliche Planungen möglich.
In der EU sind wir gerade dabei, durch die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik die Rahmenbedingungen für die Jahre bis 2020 neu festzulegen. Ich kann Ihnen versichern, dass dies ein spannendes, aber auch ein aufreibendes Unterfangen ist. Wichtige Ziele der Gemeinsamen Agrarpolitik sind: Marktorientierung, Wettbewerbsfähigkeit, nachhaltige Produktion, Innovation, Natur-, Klima-, Umwelt- und Tierschutz sowie Verbraucherorientierung.
Wir sind mitten in langen und schwierigen Diskussionen. Lassen Sie mich aus den vielen Einzelpunkten hier einige herausgreifen:
Vereinfachung
Wichtig ist eine durchgreifende Vereinfachung der Gemeinsamen Agrarpolitik. Die Landwirte klagen schon heute über die hohen bürokratischen Belastungen und die Verwaltungen stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Die künftige Gemeinsame Agrarpolitik muss daher mit weniger Bürokratie umsetzbar sein. Nutzen und Aufwand – dies gilt insbesondere für die Förderung – müssen in einem vernünftigen Verhältnis stehen.
Entkoppelung
Die entkoppelten Direktzahlungen sind ein zentrales Element. Den Weg der Marktorientierung müssen wir weiter konsequent gehen. EU-Fördermittel dürfen nicht mehr die Überschussproduktion fördern.
Umweltleistungen
Wir unterstützen grundsätzlich den von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen Weg des "greenings" der Direktzahlungen. Das Ziel einer stärkeren Umweltorientierung ist richtig.
Wir müssen hier aber Anpassungen erreichen, damit die Regelungen praxisgerechter ausgestaltet werden können.
- Freistellung des ökologischen Landbaus von den greening-Auflagen
Der ökologische Landbau ist eine besonders ressourcenschonende und umweltverträgliche Wirtschaftsform, die sich in besonderem Maße am Prinzip der Nachhaltigkeit orientiert. Wir begrüßen daher den Vorschlag der EU-Kommission, anerkannte Ökobetriebe von der Erbringung der greening-Verpflichtungen zu befreien. Das ist eine besondere Anerkennung der breit gefächerten Leistungen des ökologischen Landbaus. Ich kann mir vorstellen, dass dies für den ein oder anderen umstellungswilligen Betriebsleiter mit entscheidend sein kann.
Und so wie der Öko-Landbau von greening-Verpflichtungen freigestellt werden soll, so wollen wir auch die besonderen Leistungen anderer Landwirte im Natur- und Umweltschutz in der Fläche hier einbeziehen. Wir können uns beispielsweise auch vorstellen, dass der Anbau von Leguminosen beim greening anerkannt wird.
5. Weltweite Herausforderungen
Meine Damen und Herren,
der ökologische Landbau muss sich auch den weltweiten Herausforderungen stellen. Das tut er auch und wie ich meine mit Erfolg. Der ökologische Landbau bietet für zentrale Herausforderungen Lösungsbeiträge an. Diese gilt es aufzugreifen. Dabei denke ich insbesondere an den großen Bedarf an Lebensmitteln und Agrarrohstoffen in vielen Teilen dieser Erde.
Dieser gewaltigen Nachfrage müssen wir mit einer nachhaltigen Steigerung der Produktion, der Verringerung von Ernteverlusten und der Vermeidung von Abfall entgegentreten; und zwar insbesondere in den Regionen, in denen die landwirtschaftlichen Potenziale nur unzureichend genutzt werden.
Hier kann der ökologische Landbau punkten. Da bin ich mir sicher. Gerade in Entwicklungsländern und auf sensiblen Standorten in den Tropen und Subtropen kann der ökologische Landbau Beiträge zur heimischen Marktentwicklung und damit insbesondere zur Unterstützung der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern leisten.
6. Eröffnung
Meine Damen und Herren,
ich komme zum Schluss.
Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit in Nürnberg, viel Erfolg und gute Geschäfte.
Ich bin gespannt auf die Messe und freue mich ganz besonders auf die Eröffnung des indischen Standes.

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