Vision für eine Landwirtschaft in Afrika
- Datum:
- 23.01.12
- Ort:
- Berlin
- Redner:
- Bundesministerin Ilse Aigner
Rede der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ilse Aigner beim AGCO Africa Summit
Es gilt das gesprochene Wort!
Anrede,
vor zwei Tagen fand hier in Berlin auf meine Einladung eines der weltweit größten Agrarministertreffen statt. Rund 70 Agrarminister, die mehr als vier Milliarden Menschen repräsentieren, kamen zusammen – so viel wie noch nie.
Gemeinsam haben wir unter der Überschrift "Ernährungssicherung durch nachhaltiges Wachstum - Landwirtschaftliche Nutzung knapper Ressourcen" diskutiert und uns auf gemeinsame Handlungsansätze für die Zukunft geeinigt.
Einstimmig sind wir der Meinung, dass die Landwirtschaft der Schlüsselsektor ist, um eine nachhaltige Entwicklung national und global voranzubringen.
Gemeinsam sind wir der Ansicht, dass die Landwirtschaft einen entscheidenden Beitrag zum Rio+20-Prozess leisten wird.
Und wir sind der festen Überzeugung, dass die Landwirtschaft und mit ihr die Entwicklung ländlicher Räume der Schlüssel ist für:
- Armutsminderung
- Ernährungssicherung
- und Stabilität.
Lange Zeit wurde der Landwirtschaft bei der Entwicklung nationaler Ökonomien wenig Bedeutung beigemessen. Mit der Folge, dass der ländliche Raum bei der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sträflich vernachlässigt wurde. Doch findet hier gerade ein Paradigmenwechsel statt.
Alle Minister konnten bestätigen, dass die Landwirtschaft und die ländlichen Räume endlich wieder stärker in das Bewusstsein von Politik und Wirtschaft rücken. Denn gerade in den Ländern Afrikas ist das Potenzial für die Landwirtschaft groß. Ich konnte mir selbst davon ein Bild machen, als ich unsere Bundeskanzlerin im letzten Jahr bei ihrem Besuch in Kenia und Angola begleitet habe.
Herzlichen Dank daher an Sie alle, dass auch Sie das Potenzial der Landwirtschaft auf dem Africa Summit zum Schwerpunkt machen. Denn die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind immens und sie erfordern eine gemeinsame Kraftanstrengung.
Mit diesem Africa Summit tragen Sie dazu bei, die Entscheidungsträger der Wirtschaft weiter für das Thema Entwicklung der Landwirtschaft zu sensibilisieren und gleichzeitig den Dialog mit der Politik zu intensivieren.
Damit schließen Sie auch den Kreis zum Afrikakonzept der Bundesregierung. Wir wollen eine Partnerschaft mit Afrika auf Augenhöhe, bei der die Wirtschaft eine zentrale Rolle spielt
Meine Damen und Herren, am 31. Oktober letzten Jahres konnten wir einen besonderen Geburtstag feiern: Laut der UN hat der siebtmilliardste Mensch das Licht der Welt erblickt – ein kleines Mädchen aus Manila. Für Eltern und Familie sicherlich ein Tag von großer Freude.
Uns sollte er allerdings vor Augen führen, vor welch großen Herausforderung wir stehen: Trotz enormer Anstrengungen, das Millenniumsziel der Vereinten Nationen zu erreichen und die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren, leiden immer noch viele Menschen an Hunger und Unterernährung – viel zu viele. Kaum ein Menschenrecht wird so massiv verletzt wie das Recht auf Nahrung.
Und die Lage spitzt sich weiter zu:
- Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung auf 9 Milliarden Menschen ansteigen. Dies ist fast ein Drittel mehr als heute. Wir werden dann zwei Drittel mehr an Nahrungsmitteln benötigen.
- Denn die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln wächst insbesondere in den Schwellenländern gewaltig.
- Gleichzeitig trägt der Klimawandel dazu bei, dass die Produktionsbedingungen in Afrika schwieriger werden.
- Schließlich beeinflussen auch die Wirtschafts- und Finanzkrisen die Weltmarktpreise für Lebensmittel mit teilweise dramatischen Folgen insbesondere für die Länder Afrikas.
Wir stehen vor einem Dilemma: Wasser und landwirtschaftlich nutzbare Böden sind begrenzt, aber die Weltbevölkerung wächst.
Konflikte um die knappen Ressourcen Wasser und Boden sind in einigen Teilen Afrikas heute schon deutlich spürbar. Hinzu kommt der steigende Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen, um international vereinbarte Klimaschutzziele zu erreichen.
Die Förderung einer nachhaltigen und produktiven Landwirtschaft ist das Gebot der Stunde. Und dabei ist die Botschaft klar: Die Produktion von Nahrungsmitteln muss immer Vorrang haben!
Was ist zu tun?
Lassen Sie mich im Folgenden anhand von drei Punkten die aus meiner Sicht wichtigsten Aktionsfelder für die ländliche Entwicklung in Afrika kurz beschreiben:
Erstens: Im Fokus muss die Förderung einer nachhaltigen und produktiven Landwirtschaft stehen. Sie ist der Motor für die Bekämpfung von Hunger und Armut.
Viele Länder Afrikas haben ein großes landwirtschaftliches Potenzial. Doch es wird nicht ausreichend genutzt. Flächen liegen brach. Oder sind oft wenig produktiv. Die Menschen arbeiten zwar hart und schwer – aber sie produzieren zu wenig. Zu wenig, um Einkommen bei Seite legen zu können. Zu wenig, um Überschüsse für die nächste Ernte als Saatgut zu erzielen. Zu wenig für ihre Ernährung.
Die Gründe dafür kennen Sie:
- schlechtes Saatgut,
- unzureichende Düngung,
- fehlende Bewässerung,
- ungenügende Mechanisierung,
- mangelnde Aus- und Fortbildung.
Natürlich erschweren auch Auswirkungen des Klimawandels die landwirtschaftliche Produktion.
Zudem erreicht ein beträchtlicher Teil der Ernte nicht den Verbraucher. Die Hälfte der produzierten Nahrungsmittel verrottet auf den Feldern, verdirbt auf dem Transportweg oder sogar schon im Lager. Hier müssen wir den Hebel ansetzen.
Denn trotz des noch erheblichen Flächenpotenzials vor allem in Sub-Sahara Afrika - unser wachsender Bedarf wird künftig vor allem durch Ertragssteigerungen gedeckt werden müssen. Nachhaltige Ertragssteigerungen!
Mein Ministerium ist daher dabei, in mehreren Ländern Afrikas Kooperationsprojekte auf den Weg zu bringen.
In Äthiopien entsteht zum Beispiel seit letztem Jahr ein deutsch-äthiopisches Kooperationsprojekt zur Weiterbildung im Agrarbereich. Dabei wird in enger Zusammenarbeit mit Unternehmen der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft das Äthiopisch-Deutsche Agrar-Weiterbildungszentrum errichtet. Hier sollen landwirtschaftliche Fachkräfte im Umgang mit modernen, nachhaltigen Produktionsverfahren, in Maschinenanwendung und –reparatur geschult werden. Gleichzeitig wird ihre unternehmerische Kompetenz gestärkt.
Warum? Lassen Sie mich das an einem Beispiel kurz erläutern: Der Lebenszyklus eines Traktors beträgt in weiten Teilen Afrikas gerade mal acht Monate – bei uns in Europa rund 30 Jahre - eine Generation!
Das Projekt ist ein so genanntes Wirtschaftskooperationsprojekt, bei dem mein Haus und die deutsche Agrarwirtschaft gemeinsam an einem Strang ziehen und eng zusammenarbeiten.
Auch das Unternehmen AGCO ist neben den Firmen Lemken, Grimme, Beinlich, Rauch und Petkus, deren Vertreter hier zum Teil ebenfalls im Saal anwesend sind, einer unserer wichtigen Partner aus der Landtechnikbranche in diesem Projekt. Ich danke Ihnen, Herr Professor Richenhagen, und Ihnen, Herr Dr. Mühlhäuser, für den Beitrag Ihres Unternehmens und Ihr persönliches Engagement im Rahmen dieses Vorhabens.
Ein weiteres Projekt meines Hauses in Äthopien will - gemeinsam mit deutschen Züchtern – die lokale Versorgung gerade der Kleinbauern mit hochwertigem Saatgut verbessern. Dabei haben wir die gesamte Kette von der Züchtungsforschung bis zur Vermehrung des Saatgutes für die Landwirte im Blick.
Diese beiden Initiativen, die ich exemplarisch herausgegriffen habe, zeigen, wo in meinen Augen der springende Punkt liegt. Für nachhaltige Ertragssteigerungen brauchen wir Technologien und Anbaumethoden, die an die Verhältnisse vor Ort angepasst sind. Und deren Entwicklung vor Ort auch begleitet wird. Nur so schaffen wir den notwendigen Produktivitätsschub!
Zweitens: Faire Wasser- und Landnutzungsrechte sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Wirtschaftstätigkeit.
Ohne sicheren und gerechten Zugang zu Ressourcen ist keine nachhaltige Landwirtschaft, Forstwirtschaft oder Fischerei möglich. Ich setze mich daher auf allen Ebenen für die Annahme der "Freiwilligen Leitlinien zur verantwortungsvollen Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten, Fischgründen und Wäldern" durch den Welternährungsausschuss der Vereinten Nationen ein.
Die Freiwilligen Leitlinien sind das erste internationale Instrument, das sich mit der Zugangsfrage zu natürlichen Ressourcen und verantwortlichen Investitionen in die Landwirtschaft befasst. Die Annahme der Freiwilligen Leitlinien ist besonders für Frauen wichtig, denn sie spielen insbesondere in Afrika eine zentrale Rolle.
Fast 70 Prozent der Bauern in Afrika sind Bäuerinnen. Doch sie besitzen nur einen Bruchteil des Landes. Sie sind zudem von der Erbfolge ausgeschlossen, können Land nicht alleine pachten oder erhalten keinen Kredit. Ihre Rechte müssen gestärkt werden!
Ein weiterer problematischer Punkt in diesem Zusammenhang sind großflächige Landinvestitionen, das sogenannte "Land grabbing". Natürlich sind Investitionen und Beteiligung der Privatwirtschaft nötig, aber es bedarf dafür Regeln, damit die lokale Bevölkerung nicht der Verlierer ist.
Wir brauchen nachhaltige Investitionen, die Arbeit und Einkommen vor Ort schaffen und einen Beitrag zur Ernährungssicherung leisten. Das ist aber nur möglich, wenn die Regierungen vor Ort bereit und in der Lage sind, zum Wohle ihrer Bürger ein sicheres Umfeld zu schaffen.
Ich betone es sehr deutlich: Es liegt in der Verantwortung der afrikanischen Regierungen, Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Menschrechte durchzusetzen sowie gute politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die ausländische Investitionen fördern.
Davon profitieren auch die Bäuerinnen und Bauern vor Ort.
Mein letzter Punkt: Lebensmittel sind keine Spekulationsobjekte
Entwicklungsinitiativen der Geberländer können nur einen kleinen, aber wichtigen Beitrag für die Entwicklung Afrikas leisten. Die Menschen in Afrika sind in erster Linie selbst für ihren Kontinent verantwortlich und sollen dessen Entwicklung steuern.
Doch auch die Wirtschaft in den afrikanischen Ländern ist abhängig von internationalen Wirtschaftskreisläufen.
Es kann kein Zufall sein, dass mit dem Ausbruch der Krise an den Finanzmärkten auch die Nahrungsmittelpreise auf Achterbahnfahrt gegangen sind. Zumal der Einfluss von Spekulationen auf die Agrarterminmärkten beträchtlich zugenommen hat.
Hier müssen wir international handeln!
Wir müssen die nützlichen Funktionen der Agrarterminmärkte wieder in den Vordergrund rücken, insbesondere die Absicherung gegen Preisausschläge.
Ich setze mich deshalb gegen exzessive Spekulationsgeschäfte auf den internationalen Agrarterminmärkten ein.
Vor fast genau einem Jahr habe ich auf der Internationalen Grünen Woche 2011 Leitplanken gefordert. Diese Forderung hat Eingang in die Beschlüsse des internationalen Agrarministergipfels vor einem Jahr hier in Berlin gefunden. Und die französische G20-Präsidentschaft hat diese Initiative aufgegriffen.
Es ist ein großer Erfolg, dass die Agrarminister der G20 im Juni 2011 einen Aktionsplan zu Lebensmittelpreisvolatilität und Landwirtschaft beschlossen haben, der von den Staats- und Regierungschefs beim G20-Gipfel im vergangenen November bestätigt wurde.
Wir wollen die Märkte vor allem transparenter machen.
Für mehr Transparenz auf den realen Rohstoffmärkten sorgen wir mit dem Agrarmarktinformationssystem – kurz AMIS. Die FAO hat hier die Strukturen geschaffen.
Und ich freue mich, dass die EU-Kommission nun auch konkrete Vorschläge für mehr Transparenz und bessere Regulierung auf den Agrarfinanzmärkten vorgelegt hat, in denen sich unsere zentralen Forderungen im Großen und Ganzen wieder finden.
Auf eine Finanztransaktionssteuer konnten sich die G 20 leider nicht einigen. Dabei fallen Steuern auf fast allen Stationen des Handels an. Wenn Spekulanten auf den Agrarterminbörsen Futures und Optionen handeln, zahlen sie jedoch keinen Cent an den Staat. Wieso eigentlich?
Eine Finanztransaktionssteuer ist sinnvoll. Sie ist für mich ein geeignetes Instrument zur Regulierung der Finanzmärkte. Sie kann Spekulationen generell eindämmen. Und mit ihr können wir die Märkte an der Bewältigung von Krisenkosten beteiligen. Deshalb hat unser Bundesfinanzminister meine volle Unterstützung bei seinen Plänen, diese Steuer einzuführen.
Und ich meine: Wenn die Finanztransaktionssteuer nicht weltweit kommt, sollte Europa vorangehen. Und wenn wir keine gemeinsame Einigung erzielen können, sollte die Euro-Gruppe den ersten Schritt machen!
Meine Damen und Herren, ich habe es zur Beginn meiner Rede bereits gesagt:
Die ländliche Entwicklung ist der Schlüssel für
- Armutsminderung
- Ernährungssicherung
- und Stabilität.
Leider gibt es hierfür nicht das eine Patentrezepte
Ein dogmatisches Festhalten an Grundsatzpositionen, ob die großbetriebliche oder kleinbäuerliche Landwirtschaft die bessere sei, hilft nicht weiter.
Wichtig ist es, passgenaue Lösungen zu finden, die auf den Strukturen vor Ort aufbauen. Und entscheidend ist, dass die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion durch eine nachhaltige Bewirtschaftung erfolgt.
Das geht nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung. Alle sind gefordert!
Die internationale Gebergemeinschaft: mit finanziellen Mitteln und politischen Konzepten, die vor Ort passen.
Die Wirtschaft: Ich appelliere auch an Sie, die Kooperation mit afrikanischen Bauern und weiteren Partnern zu suchen und Wertschöpfungsketten im ländlichen Raum zu stärken. Der vor- und nachgelagerte Bereich der Landwirtschaft bietet zahlreiche Innovations- und Investitionsmöglichkeiten. Seien es effiziente Bewässerungssysteme oder auf die jeweiligen Voraussetzungen zugeschnittene Mechanisierungen der Landtechnik, der Bedarf ist da. Ich hoffe, dass dieser Africa Summit ein Katalysator ist, um weitere gemeinsame Projekte mit Afrika anzustoßen.
Und die Partnerländer sind gefordert: Sie müssen den Rahmen schaffen, die nötigen Schritte einleiten und die Bevölkerung in den Entwicklungsprozess einbeziehen.
Auch ich habe die Herausforderung angenommen: Ich setze mich derzeit, neben den bereits genannten Punkten, bei der EU für einen schnellstmöglichen Verzicht auf Exporterstattungen für Agrarprodukte ein!
Denn ich bin der Meinung: Exporterstattungen waren in der Vergangenheit noch zu rechtfertigen, aber passen nicht mehr in die heutige Zeit. Zumal ihr Nutzen für heimische Erzeuger sehr begrenzt ist.
Wir sollten und wir können darauf verzichten. Überdies haben sie in der Praxis stetig an Bedeutung verloren: Die für Exporterstattungen im EU-Haushalt vorgesehenen Mittel sollten wir einsparen und sinnvoller nutzen. Andere Agrarexportnationen – wie die USA – sollten unserem Beispiel folgen!
Meine Damen und Herren, die Sicherung der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung ist Voraussetzung für nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum und soziale sowie politische Stabilität.
Die Herausforderungen sind groß. Lassen Sie uns diese Herausforderung gemeinsam annehmen.
Der Fokus muss sicherlich auf Afrika liegen. Hier ist die Not besonders hoch, groß sind aber auch die Potenziale. Sie zu erschließen, ist nicht nur ein Gebot humanitärer Verantwortung, sondern auch ein Gebot politischer und wirtschaftlicher Vernunft.
Herzlichen Dank.

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