Politische Herausforderungen im Bereich der Angelfischerei
- Datum:
- 01.08.11
- Ort:
- Berlin
- Redner:
- Staatssekretär Dr. Robert Kloos
Grußwort des Staatssekretärs im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Dr. Robert Kloos auf der Weltkonferenz zur Angelfischerei (6th World Recreational Fishing Conference).
- 1. Stellung der Angelfischerei im BMELV
- 2. Vergleich Freizeit/Angel- und Berufsfischerei
- 3. Politische Herausforderungen
- 4. Wissenschaftliche Studien
- 5. Schluss
Es gilt das gesprochene Wort!
Anrede,
herzlichen Dank für die Einladung. Die Weltkonferenzen zur Angelfischerei bieten mit ihrem breit gefächertem Programm ein hervorragendes Diskussionsforum für die Angelfischerei.
1. Stellung der Angelfischerei im BMELV
Die Fischerei in Deutschland ist ein traditioneller Bestandteil von Wirtschaft und Kultur an der Küste sowie an Flüssen, Seen und Teichen im ländlichen Raum. Auch als Attraktion für den Tourismus trägt sie zur Wirtschaftskraft bei. Die Angelfischerei stellt mit ihren wichtigen Zielarten Äsche und Forelle einen Teil der Fischerei dar, dem eine wesentliche Bedeutung in Deutschland zukommt. Fischerei ist schon immer mehr gewesen als nur die Hochseefischerei und die Fischwirtschaft an den Küsten!
Ich kann Ihnen versichern, dass die Bundesregierung stets auf eine gute Zusammenarbeit mit der Angelfischerei bedacht ist. Denn gerade für die Fischereipolitik gilt, dass man verlässliche Ergebnisse am ehesten dann erreicht, wenn man den Dialog mit den Betroffenen sucht, den Dialog
- mit den Fischern im Binnenland und auf See und
- mit den Menschen in Verarbeitung und Handel.
Erst dann kann man ausgewogen entscheiden. Das gilt vor allem dann, wenn komplizierte Sachverhalte anstehen. Und hiervon gibt es in der Fischereipolitik genug.
2. Vergleich Freizeit/Angel- und Berufsfischerei
Die fischereiliche Nutzung von Binnengewässern beschränkt sich nicht auf gewerbliche Unternehmen sondern beinhaltet gleichermaßen auch den nichterwerbsmäßigen Fischfang mit der Angel. Fischerei und Fisch aus der Region – das ist heute verbunden mit Frische, Lebensqualität und Heimat. Das wissen gerade die Hobbyangler unter Ihnen, die im aktiven Vereinsleben mit anderen ihre Leidenschaft teilen. Beim Angeln im Verein ist man häufig für sich und zugleich mit anderen im Bunde. Ich denke: Auch das macht die Faszination des Angelsports aus.
3. Politische Herausforderungen
Die Europäische Kommission hat am 13. Juli 2011 die ersten Vorschläge zur Reform der gemeinsamen Fischereipolitik vorgelegt. Die Binnen/Angelfischerei ist nicht direkt Regelungsgegenstand dieser Reform. Wir werden uns jedoch für Stärkung der Rolle der Binnenfischerei und insbesondere der Angelfischerei auch auf europäischer Ebene einsetzen.
So, wie wir uns auch hinsichtlich der Kontrollverordnung erfolgreich in Brüssel durchgesetzt haben: Dort war vorgesehen, Fänge von Meeresanglern in die Fangquoten-Systeme der jeweiligen Mitgliedstaaten einzurechnen. Dieser Vorschlag ist vom Tisch. Die Kommission hat vielmehr eine Studie über die Auswirkungen der Freizeitfischerei in Auftrag gegeben, um sich über die tatsächlichen Fänge durch die Hochseeangler ein Bild zu machen. Denn es gibt auch andere Möglichkeiten, bedrohte Fischarten zu schützen.
Meine Damen und Herren, Dauerthemen unter Binnen- und Angelfischern sind weiterhin der Aal und der Kormoran. Wir haben in Brüssel mehr als drei Jahre dafür gekämpft, dass man zu einem sinnvollen Management des Aalbestandes kommt
- im Sinne der Forderungen der Nachhaltigkeit,
- aber gleichzeitig im Sinne der Interessen unserer Berufsfischer und Angler!
Und wir haben mit der Verabschiedung der Aal-Verordnung während unserer Präsidentschaft 2007 auch einen bedeutenden Erfolg erzielt! Im April 2010 sind die danach erforderlichen Managementpläne für die neun deutschen Flusseinzugsgebiete von der Kommission genehmigt worden.
Damit ist zunächst die Voraussetzung geschaffen, dass wir den Besatz unserer Gewässer mit Jungaalen fördern können und zwar mit Mitteln des Europäischen Fischereifonds. In den neun deutschen Aalbewirtschaftungsplänen sind bereits verschiedene Maßnahmen eingeleitet, damit sich die Aalbestände langfristig stabilisieren und erholen können. Das muss unser Ziel sein!
Meine Damen und Herren, ich weiß, dass Ihnen als Anglern vor allem noch ein weiteres Thema auf den Nägeln brennt. Es geht um den Kormoran. Der Kormoran verursacht erheblichen Schaden! In vielen Gewässern hat das zum Zusammenbruch der Fischbestände geführt.
Die Kormoranbestände in Europa sind in den vergangenen 25 Jahren etwa um den Faktor 20 angewachsen. Für Westeuropa wird der Gesamtbestand auf ca. 1,1 Millionen Exemplare geschätzt. Es gibt Angaben der Länder, dass Kormorane an europäischen Gewässern jährlich etwa 300.000 Tonnen Fisch aller Arten fressen.
Angesichts solcher Größenordnungen komme ich zu einem klaren Schluss: Artenschutz darf nicht nur über Wasser gelten! Nein, er muss auch im Wasser, in unseren Seen, Flüssen und Teichen gelten!
NATURA 2000 ist für uns keine Phrase und Artenschutz schließt den aktiven Schutz von Fischarten ausdrücklich ein. Wir brauchen umgehend ein funktionierendes Kormoran-Management, das den Belangen des Artenschutzes nicht nur für den Kormoran gerecht wird. In der gegenwärtigen Populationsstärke gefährdet der Kormoran nicht nur Vorkommen verschiedener Fischarten und den Fortbestand unserer Teichlandschaften, die als besonders wertvolle Lebensräume Brennpunkt der Artenvielfalt sind. Der übertriebene Artenschutz für den Kormoran stellt auch die Fischerei und Teichwirtschaft als nachhaltige Formen der regionalen Produktion eines wertvollen Lebensmittels in Frage.
Deutschland hat sich im Fischereirat für eine europäische Lösung eingesetzt und wurde von vielen Mitgliedstaaten unterstützt. Auch im Europäischen Parlament fand eine deutsche Initiative für einen europäischen Kormoran-Managementplan breite Unterstützung. Im Umweltrat am 21. Juni 2011 haben wir eine Initiative Frankreichs für ein europäisches Kormoranmanagement unterstützt.
Die Europäische Kommission reagiert jedoch bisher ablehnend. Sie vertritt die Auffassung, dass das EU-Recht bereits ausreichende Möglichkeiten zur Lösung des Kormoran-Problems bietet. Sie verweist darauf, dass die Mitgliedstaaten und in Deutschland die Bundesländer nach Artikel 9 der Vogelschutzrichtlinie in eigener Verantwortung Maßnahmen ergreifen können und bereitet derzeit Leitlinien zur Anwendung dieses Artikels vor.
Aber häufig ist diese Wirkung zeitlich und räumlich begrenzt, weil andere nicht mitmachen. Und diese Vögel machen nicht an Ländergrenzen halt. Deshalb lautet die Forderung meines Hauses: Die Maßnahmen der Bundesländer und der Mitgliedstaaten müssen koordiniert werden! Eine dauerhafte Lösung der Kormoranfrage ist nur mit einem europäischen Managementplan zu erreichen!
100.000 Unterschriften hat der Deutsche Fischerei-Verband für ein europäisches Kormoran-Management gesammelt. An mein Haus müssen sie aber nicht gerichtet werden. Wir sind bereits in dieser Richtung aktiv. Aber ich nehme 100.000 Unterschriften als ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Sie sind ein gutes Argument mehr, hier nun gemeinsam Fortschritte zu erzielen.
Meine Damen und Herren, es sollte uns eine Mahnung sein: Viele der Fischarten, die in unseren Fließgewässern leben, stehen als „gefährdet“ auf der „Roten Liste“. Das muss angesichts der Kormoranproblematik auch einmal gesagt werden dürfen – es gilt nicht nur, einen Vogel zu schützen!
4. Wissenschaftliche Studien
Meine Damen und Herren, nicht nur die Seefischerei – auch die Angelfischerei – kann – wie Studien zeigen unter bestimmten Umständen zur Überfischung eines Gewässers führen. Hier sind alle gefordert, nur die alljährlich nachwachsenden Reserven der Bioproduktion durch eine angemessene Entnahme von Fischen abzuschöpfen. Eine nachhaltige Gewässerbewirtschaftung muss auch bei der Angelfischerei im Vordergrund stehen. Wir wollen uns gemeinsam für einen nachhaltigen Erhalt der Gewässer einsetzen.
Einen wichtigen Beitrag dazu können auch wissenschaftliche Studien leisten. Ich bin sicher unsere Forschungseinrichtungen können uns hier hervorragend unterstützen und tun dies auch. Seit 1993 unterstützt BMELV im Rahmen des bilateralen Kooperationsprogramms verschiedene Partnerländer aktiv in der Entwicklung des Agrar-, Ernährungs- und Verbrauchersektors mit partnerschaftlicher Kooperation. Vor wenigen Jahren haben wir das Kooperationsprogramm weltweit ausgerichtet, so dass wir jetzt auch Projekte beispielsweise in China, Äthiopien und in Brasilien organisieren.
Seit Beginn des Programms hat BMELV rund 250 Projekte realisiert. Der Schwerpunkt der BMELV-Projektarbeit liegt in der Vermittlung von Fachwissen und Technologietransfer. Ziel ist es, in den Partnerländern einen Beitrag zum Aufbau einer leistungsfähigen Agrar-, Ernährungsverwaltung und -wirtschaft zu leisten. Einige Kooperationsprojekte beinhalten Aspekte der Ernährungssicherung.
Derzeit führt BMELV 16 Kooperationsprojekte durch. Darunter verschiedene Politikberatungsprojekte, die sogenannten Agrarpolitik-Dialoge. Daneben gibt es auch viele Projekte mit einer fachlich-technischen Ausrichtung. Die Umsetzung dieser Projekte erfolgt oft gemeinsam mit Unternehmen der deutschen Agrarwirtschaft in sog. "Wirtschaftskooperationsprojekten". Dieser Projekttyp beinhaltet neben der Stärkung des Wissenstransfers zwischen Deutschland und dem Partnerland sowie dem Aufbau sektoraler Strukturen, auch die Möglichkeit für die deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft, ihre Erzeugnisse und Technologien in den Zielländern zu präsentieren und ihnen damit den Markteintritt zu erleichtern. Die Projekte sind Unternehmen bei der Kontaktaufnahme zu öffentlichen und privaten Institutionen und Organisationen im Partnerland behilflich.
Ich freue mich besonders, dass wir die Haushaltsmittel für die bilaterale Projektarbeit des BMELV in den letzten drei Jahren verdoppeln konnten. Und wir werden dem Bundestag eine weitere Erhöhung vorschlagen. Denn nur so ist eine effektive, weltweite Projektarbeit möglich.
5. Schluss
Meine Damen und Herren, gemeinsam mit der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der Humboldt-Universität zu Berlin hat der Deutsche Anglerverband als Mitorganisator die 6th World Recreational Fishing Conference (6. Weltkonferenz zur Angelfischerei, WRFC) nach Deutschland geholt!
Etwa zweihundert hochkarätige Wissenschaftler aus aller Welt werden sich vom 1. bis 4. August 2011 an der Humboldt-Universität in Berlin ausschließlich dem brandaktuellen Wissen ums Angeln widmen und auch diskutieren, wie verhängnisvollen Argumenten gegen die Angelfischerei und die Interessen unserer Angler fundiert und konsequent begegnet werden kann.
Jeder zehnte EU-Bürger geht in seiner Freizeit auf Fischfang. Angeln verbindet – auf emotionaler, wirtschaftlicher und ökologischer Ebene. Auch die Weltkonferenz zur Angelfischerei verbindet.
Ich wünsche Ihnen interessante Gespräche, einen produktiven Meinungsaustausch und eine anregende Veranstaltung. Darauf ein herzliches: Petri Heil!

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