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Der Stellenwert des Ländlichen Tourismus aus wirtschaftlicher und politischer Sicht

Datum:
26.03.11
Ort:
Wald im Ostallgäu
Redner:
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Gerd Müller

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Dr. Gerd Müller, anlässlich der Jubiläumsfeier 20 Jahre Landesverband Urlaub auf dem Bauernhof in Bayern e.V.

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

20 Jahre "Landesverband Urlaub auf dem Bauernhof in Bayern e.V." sind für uns alle ein Grund zur Freude und ein guter Grund zum Feiern. Besonders freue ich mich, an Ihrer heutigen Jubiläumsveranstaltung persönlich teilnehmen zu können und Ihnen, Frau Off, und allen anwesenden Verbandsmitgliedern die herzlichsten Glückwünsche unserer Bundesministerin Ilse Aigner übermitteln zu dürfen.

Seit 1991 vertritt der Landesverband die Interessen der bayerischen Urlaubsbauernhöfe. Er hat damit maßgeblich zu der beispiellosen Erfolgsgeschichte des Ländlichen Tourismus in Bayern beigetragen.

Die konsequente Ausrichtung auf maßgeschneiderte Urlaubsangebote für Familien, Aktivurlauber oder Menschen, die einfach nur Ruhe, Naturnähe und eine ungezwungene Urlaubsatmosphäre suchen, hat sich ausgezahlt.

Wirtschaftliche Bedeutung

Meine Damen und Herren, der Ländliche Tourismus entwickelt sich auch über die Grenzen unseres Freistaates hinaus positiv und wird deutschlandweit von immer mehr landwirtschaftlichen Betrieben als zusätzliche Einkommensquelle genutzt .

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus in Deutschland e.V. (BAG) - gestützt auf eine Erhebung unter seinen Mitgliedern - sind über 70 Prozent der Urlaubsbetriebe klassische Bauernhöfe, 43 Prozent dieser Betriebe erwirtschaften mit dem Betriebszweig Ländlicher Tourismus mehr als 25 Prozent ihres Betriebseinkommens. Dennoch ist der Spezialisierungsgrad der Urlaubsbauernhöfe insgesamt betrachtet niedrig:

  • Rund die Hälfte der Urlaubsbetriebe haben sich nicht auf bestimmte Zielgruppen oder Themen spezialisiert.
  • Etwa 30 Prozent der Betriebe sind Familien- und Kinderferienhöfe.
  • Der Anteil der Betriebe mit speziellen Themen, wie z.B. Heuhotel, Wellness- oder Kneipphöfe, Radler- oder Reiterhöfe, liegt deutschlandweit unter 8 Prozent.

Meine Damen und Herren, spannend ist natürlich in diesem Zusammenhang die Frage, warum das so ist und was die (potentiellen) Urlaubsgäste von einem Urlaubsbauernhof und der Region, in der er liegt, erwarten.

  • Der Urlaubsgast sieht bestimmte Qualitätsstandards bei den Basisleistungen, wie Unterkunft, Gastronomie und Unter-haltungsangebote, inzwischen als Selbstverständlichkeit an.
  • Darüber hinaus erwartet er besondere Erlebnisangebote, die man mit Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus mehr oder weniger unterschwellig assoziiert - und die letztlich die Marke des Produktes "Bauernhofurlaub" ausmachen.

Vor diesem Hintergrund hat das Bundeslandwirtschaftsministerium im Rahmen einer qualitativen Befragung untersuchen lassen, welche speziellen Freizeit- und Erlebnisangebote für Bauernhof- und Landurlauber von besonderem Interesse sind.

Für nahezu alle Befragten standen Tiere beobachten, regionale Spezialitäten genießen und Wandern ganz weit oben. Dicht gefolgt von Einkaufen im Hofladen, Naturattraktionen und Fahrradfahren. Entscheidend sei, dass auf dem Hof ein gewisses Basisangebot vorhanden ist und gleichzeitig in der Region ein vielseitiges Freizeitangebot zur Verfügung stehe.

Eine für mich interessante Erwartungshaltung formulierte einer der Befragten mit folgenden Worten: "Ich finde es gut, wenn sich mehrere Bauernhöfe zusammentun würden - der Angebote wegen - aber es darf nicht zu perfekt und kommerziell sein. Dann ist das Gemütliche nicht mehr gegeben."

Man könnte die Meinungen zu den Erlebnisangeboten also zugespitzt so auf den Punkt bringen: Weniger ist manchmal mehr! Hauptsache authentisch, bodenständig und naturnah! Ich möchte hinzufügen: So wie die Menschen im Allgäu!

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich noch einen weiteren wichtigen Aspekt ansprechen: Das Marketing ! Man kann es auch als Frage formulieren: Wie und wo erreiche ich meine künftigen Gäste?

Die Antwort ist klar, und sie wurde gestern schon in den verschiedenen Fachbeiträgen ausführlich erörtert: Durch einen attraktiven und aussagekräftigen Internetauftritt! Kaum ein anderer Tourismussektor setzte so schnell und so konsequent auf die Vermarktung über das Internet, wie "Urlaub auf dem Bauernhof".

Darum verwundert es auch nicht, dass in Sachen "Urlaub auf dem Bauernhof" die klassische Vermittlung über Reisebüros heute kaum eine Rolle spielt. Selbst ältere Interessenten nutzen heute das Internet, um ihren Urlaubsbauernhof zu finden.

Unsere Studie hat auch gezeigt, dass sich die Urlaubsinteressenten nicht nur bequem von zu Hause per Internet ihren Urlaubsbauernhof aussuchen möchten, sondern auch ebenso bequem Informationen über das Freizeitangebot in der Region abrufen wollen. Um so wichtiger wird es also, die regionalen Freizeitangebote und die Urlaub-auf-dem-Bauernhof-Angebote im Internet künftig noch stärker miteinander zu verzahnen.

Meine Damen und Herren, für den Betriebszweig "Ländlicher Tourismus" gibt es eine Vielzahl von Erfolgsfaktoren. Ganz vorne steht dabei für mich eine attraktive Landschaft. Wir sollten dankbar sein, dass wir in Bayern - und natürlich ganz besonders hier im Allgäu - über einige der schönsten und abwechslungsreichsten Landschaften Deutschlands verfügen.

Und wir müssen - auch im Interesse des ländlichen Tourismus - alles daransetzen, dass unsere über Jahrhunderte geschaffene Kulturlandschaft erhalten bleibt.Ganz vorne - unter den Erfolgsfaktoren - steht für mich aber auch der unternehmerische Familienbetrieb.

Denn es waren unternehmerisch denkende Bäuerinnen und Bauern, die schon vor Jahrzehnten das anfangs oft belächelte Geschäftsmodell "Urlaub auf dem Bauernhof" erfunden und zu dem gemacht haben, was es heute ist: Ein für viele Betriebe wichtiges zusätzliches wirtschaftliches Standbein!

Ich bin davon überzeugt, dass es auch künftig zu allererst die bäuerlichen Familienbetriebe sind, die neue Trends im Ländlichen Tourismus erkennen und durch maßgeschneiderte Angebote nutzen werden. Dabei kann es nur hilfreich und nützlich sein, einen so starken Landesverband wie den "Landesverband Urlaub auf dem Bauernhof in Bayern" zur Seite zu haben.

Politische Rahmenbedingungen

Meine Damen und Herren, welche Rolle spielt vor diesem Hintergrund die Politik? Ich sehe die Hauptaufgabe der Politik auf EU-, Bundes-, Landes- und Kreisebene darin,

  • für verlässliche Rahmenbedingungen zu sorgen,
  • bürokratische Hemmnisse aus dem Weg zu räumen und
  • unternehmerische Initiativen positiv zu begleiten.

Zu den verlässlichen Rahmenbedingungen zählt an erster Stelle eine Europäische Agrarpolitik, die

  • den Landwirten sichere Einkommen ermöglicht,
  • eine nachhaltige, flächendeckende Landwirtschaft gewährleistet und
  • die Erhaltung vitaler ländlicher Räume sicherstellt.

Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU nach 2013 muss diesen Anforderungen uneingeschränkt Rechnung tragen. Sie muss zudem für eine durchgreifende Vereinfachung und Verringerung des bürokratischen Aufwandes für Landwirte und Verwaltung sorgen. Und nicht zuletzt muss an einer starken ersten Säule und einer finanziell gut ausgestatteten zweiten Säule festgehalten werden.

Der Abbau bürokratischer Hemmnisse ist aber nicht nur eine Aufgabe im Rahmen der EU-Agrarpolitik. Auch Bund, Länder und Gemeinden haben hier in vielen Rechtsbereichen – insbesondere im Baurecht - noch ihre Hausaufgaben zu machen.

Innerhalb der Bundesregierung finden derzeit zum Beispiel Gespräche über eine Änderung des Baugesetzbuches statt. In diesem Zusammenhang werden wir auch prüfen, ob es möglich ist, die Voraussetzungen für eine sinnvolle Folgenutzung ehemals landwirtschaftlich genutzter Gebäude zu erleichtern.

Meine Damen und Herren, um konkrete Beispiele für die positive Begleitung des Ländlichen Tourismus durch die Politik zu finden, brauchen wir hier in Bayern nicht lange zu suchen.

Ich nenne nur die neue "Markenbibel", die vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gefördert und unterstützt wurde und die einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Marke "Urlaub auf dem Bauernhof in Bayern" leisten wird.

Das Markenzeichen - der weiß-blaue Gockel - verkörpert mit seiner Stolz geschwellten Brust die Einzigartigkeit Bayerns. Ein solches Markenkonzept entsteht selbstverständlich nicht alleine durch die finanzielle und koordinierende Unterstützung durch die Staatsregierung. Hier haben

  • die Beraterinnen und Berater der Landwirtschaftsverwaltung,
  • der Landesverband "Urlaub auf dem Bauernhof in Bayern",
  • die Anbietergemeinschaften,
  • der Bayerische Bauernverband und
  • viele einzelne Anbieter tatkräftig mitgewirkt.

Die Markenbibel ist somit ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Bereich des Ländlichen Tourismus aussehen kann! Von solchen wirklich guten Beispielen können auch andere etwas lernen !

Ausblick

Meine Damen und Herren, von einander lernen und gemeinsam etwas auf den Weg bringen, das ist für mich auch der Leitgedanke, der im Mittelpunkt der Konzeption der Bundesregierung für den Ländlichen Tourismus in Deutschland stehen muss.

Diese Konzeption wird derzeit unter Federführung des Bundeswirtschaftsministeriums unter Einbindung aller relevanten Akteure erstellt. Dabei werden zunächst

  • in einem ersten Schritt die auf Bundes-, Landes-, Kreis- und Verbandsebenen verfügbaren Erkenntnisse, Erfahrungen und Expertisen zusammengetragen,
  • in einem zweiten Schritt die Faktoren identifiziert, die für eine erfolgreiche Umsetzung landtouristischer Konzepte ausschlag-gebend sind und schließlich
  • in einem dritten Schritt, konkrete Handlungsempfehlungen und Maßnahmen formuliert.

Ohne den Ergebnissen vorgreifen zu wollen, sehe ich vor allem drei Handlungsfelder, auf denen wir tätig werden müssen, um den ländlichen Tourismus in Deutschland wirksam zu stärken und speziell die ländlichen Regionen Deutschlands als Urlaubsstandort für In- und Ausländer noch attraktiver zu machen:

  1. Eine enge deutschlandweite Vernetzung aller Akteure,
  2. den verstärkten Ausbau der touristischen Infrastruktur in der Fläche und
  3. die Verbesserung der Vermarktung über ein komfortables, deutschlandweites Internetportal mit starker regionaler Prägung

Meine Damen und Herren, gerade beim letzten Punkt sind wir schon auf einem guten Weg: Mit finanzieller Unterstützung des BMELV haben die "Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus in Deutschland e.V." sowie der "Deutsche Bauernverband" im vergangenen Jahr die Landtourismus Marketing GmbH gegründet. Deren Ziel ist es, noch Mitte 2011 ein neues, innovatives Deutschland-Portal für den Landtourismus im Internet freizuschalten.

Für den Landurlaubinteressierten wird dieses Portal eine komfortable Suche und online-Buchung seines „maßgeschneiderten“ Urlaubsbauernhofs möglich machen. Neben einer regionalen Suche wird es auch themenbezogene und zielgruppenspezifische Auswahlmöglichkeiten geben.

Für den Landurlaubanbieter bietet das Portal die Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und leistungsfähige Marketing-, Organisations- und Vertriebsfunktionen in einem modernen webbasierten System zu nutzen. Zudem wird das Portal mit vielfältigen Kooperations- und Vernetzungsschnittstellen zu anderen regionalen und überregionalen Tourismusorganisationen ausgestattet sein.

Meine Damen und Herren, einen weiteren wichtigen Beitrag zur Erstellung einer Tourismuskonzeption für den ländlichen Raum haben die "Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus in Deutschland" zusammen mit dem "Deutschen Landkreistag" und dem "Deutschen Bauernverband" Anfang September letzten Jahres in einem Positionspapier vorgelegt.

Das Positionspapier formuliert den ländlichen Tourismus als wichtige Querschnittsaufgabe, die eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten und der für die ländlichen Räume Verantwortlichen erfordert. Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen.

Zustimmen kann ich auch der Schlussfolgerung, dass der Landtourismus - und insbesondere der Agrartourismus - den prägenden Kern des gesamten Tourismus im ländlichen Raum bildet.

Tourismus im ländlichen Raum ist ohne eine leistungsfähige, nachhaltige und vielseitige Landwirtschaft nicht vorstellbar. Weder in Bayern, noch in der Steiermark oder in der Toskana!

Eine vielseitige Landwirtschaft eröffnet zudem beste Chancen für attraktive Urlaubsangebote. Die Spannweite erfolgreicher Modelle reicht dabei von Obst-, Spargel- und Winzerhöfen über Reiterhöfe bis hin zu gesundheitlich ausgerichteten Bio- und Kneipp-Ferienhöfen sowie besonderen Sport-, Wander- und Wellnessangeboten.

Meine Damen und Herren, die Politik hat die Notwendigkeit einer bundesweiten Tourismuskonzeption für den ländlichen Raum klar erkannt. Sie hat auch erkannt, dass eine solche Konzeption die Einbindung aller Akteure erfordert. Das erfolgreiche Konzept "Urlaub auf dem Bauernhof in Bayern" zeigt, dass dies der richtige Weg ist.

In diesem Sinne gratuliere ich dem Landesverband Urlaub auf dem Bauernhof in Bayern zu seinem 20-jährigen Bestehen herzlich und würde mich freuen, wenn Sie Ihre langjährigen Erfahrungen mit Hilfe der "Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus in Deutschland" in die Diskussion über die bundesweite Tourismuskonzeption für den ländlichen Raum einbringen.

Vielen Dank !

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