"Zukunft Land - Wertschöpfung und Perspektiven nach 2013"
- Datum:
- 26.01.11
- Ort:
- Berlin
- Redner:
- Bundesministerin Ilse Aigner
Rede der Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner zur Eröffnung des 4. Zukunftsforums Ländliche Entwicklung im Rahmen der Internationalen Grünen Woche in Berlin.
- Leben und arbeiten im ländlichen Raum
- Wertschöpfung
- Qualitätsregeln für Agrarprodukte
- Politik für ländliche Räume
- Perspektiven nach 2013 - Zukunft der GAP
Es gilt das gesprochene Wort!
Anrede,
ich begrüße Sie herzlich zu unserem vierten Zukunftsforum Ländliche Entwicklung.
Über die Bedeutung ländlicher Räume und ihre aktuellen Herausforderungen brauche ich Ihnen als Experten sicher nichts mehr zu erzählen. Sie sind ja durch Ihre tägliche Arbeit bestens mit allen Fragestellungen vertraut. Aber: Um diesen Herausforderungen aktiv zu begegnen, ist es wichtig, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Und das Zukunftsforum bietet uns nun schon in bewährter Tradition eine hervorragende Plattform für Austausch und Diskussion. Hier können Sie Themen von A wie ärztliche Versorgung bis Z wie Zuerwerb beraten. Hier können Sie in hochkarätigen Begleitveranstaltungen neue Ideen entwickeln und diskutieren. Und, meine Damen und Herren, mit seinen 18 Workshops ist das Zukunftsforum der G-18-Gipfel der ländlichen Räume!
Leben und arbeiten im ländlichen Raum
Meine Damen und Herren, das Wort "Zukunftsforum" sagt es schon: Ländliche Räume sind Heimat mit Zukunft! Wenn wir ihre Zukunft sichern wollen, müssen wir immer wieder neue Impulse setzen.
Quelle: Frank Ossenbrink
Auf dem Land sind Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung besonders gefragt. Die Menschen sind dazu bereit. Und viele Bürgerinnen und Bürger engagieren sich vorbildlich für ihren Ort!
Das ist ganz im Sinne des Europäischen Jahres der Freiwilligkeit! Unter dieses Motto hat die EU-Kommission das Jahr 2011 gestellt. Und was freiwillige Initiativen vor Ort bewirken können, das zeigt Jahr für Jahr der Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft!" Übermorgen werde ich hier auf der Grünen Woche die Siegerdörfer auszeichnen.
Die ländlichen Räume dürfen aber nicht nur schöne Lebensräume sein! Und Dörfer nicht nur bloße Schlafstätten! Nein, die Menschen auf dem Land müssen auch konkrete wirtschaftliche Perspektiven haben. Gutes Leben und gute Arbeit - das macht die ländlichen Räume lebenswert!
Erste Ergebnisse einer Jugendstudie meines Hauses untermauern das: Junge Leute fühlen sich ganz überwiegend in ihrer ländlichen Heimat wohl. Die grünen Berufe stehen bei Schulabgängern hoch im Kurs. Viele machen aber ihren Verbleib vom Angebot an Arbeits- und Ausbildungsplätzen abhängig.
Was nützt mir ländliche Lebensqualität, fragen viele, wenn ich nicht weiß, wovon ich leben kann? Ich sage: Nur mit einem hohen Maß an Wertschöpfung sind wir in der Lage, das Leben im ländlichen Raum attraktiv zu gestalten.
Wertschöpfung
Wertschöpfung heißt für mich:
- Die Wachstumspotenziale der heimischen Region entdecken.
- Die regionalen Ressourcen nachhaltig nutzen.
- Die eigene Region als Marke verkaufen.
- Auf regionale Produkte und Leistungen setzen, sowie
- landwirtschaftliche und nichtlandwirtschaftliche Beschäftigung im ländlichen Raum stärken.
Vitale ländliche Räume sind untrennbar mit der Erschließung von neuen Wertschöpfungspotenzialen verbunden. Und Wertschöpfung hat immer etwas mit der Besinnung auf die eigenen Stärken zu tun. Die Stärken können dabei sowohl im eigenen Betrieb als auch in der Heimatregion liegen.
Es gilt, so viel Wertschöpfung wie möglich in der Region zu halten! Hier spielen natürlich die Marktentwicklung und Nachfragetrends eine entscheidende Rolle. Ebenso wichtig sind die Fähigkeiten der Erzeuger, sich auf diese Entwicklungen einzustellen! Und auch die politischen Rahmenbedingungen spielen eine Rolle.
Beispiele für erfolgreiche Wertschöpfungsketten
Meine Damen und Herren, ich möchte einige Beispiele hervorheben, wie erfolgreiche Wertschöpfungsketten auf dem Land aussehen können!
Artgerechte Tierhaltung und Direktvermarktung der eigenen Produkte sind heutzutage spürbare Wettbewerbsvorteile. Der "Hessenhof" in Coburg zeigt, wie neue Wertschöpfungsketten im landwirtschaftlichen Betrieb erschlossen werden können. Sie, lieber Herr Heß, werden uns ja gleich noch von Ihren Erfahrungen berichten!
Zusammen können Landwirte ihre Marktmacht bündeln und so den Absatz ihrer Qualitätsprodukte fördern. Mit der Initiative "Sonnentor" zeigen Sie, lieber Herr Gutmann, wie erfolgreich ein Zusammenschluss von Bio-Bauern sein kann! Davon werden Sie ja morgen auch persönlich erzählen!
Besonders für kleine Betriebe sind innovative Netzwerke wichtig. Ein Beispiel hierfür ist die Regionalwert AG in Freiburg. Es handelt sich hier um eine Bürgeraktiengesellschaft. Mit dem Geld der Aktionäre, also der Bürger, erwirbt die Regionalwert AG landwirtschaftliche Betriebe. Diese Betriebe verpachtet sie dann unter der Bedingung, dass Landwirte ökologische und soziale Standards einhalten.
Dieses finanzielle Engagement der Bürger hilft, die Zukunft des ländlichen Raums in Südbaden langfristig und nachhaltig zu sichern. Und völlig zu Recht ging der Deutsche Nachhaltigkeitspreis deshalb auch an die Regionalwert AG!
Aber: Vergessen wir auch nicht das traditionelle Handwerk. Von den fast eine Million Handwerksbetrieben in Deutschland befindet sich der Großteil im ländlichen Raum. Das bedeutet: Wertschöpfung am Puls der Zeit, denn gerade das Handwerk setzt Innovationen aus Wissenschaft und Industrie vor Ort um!
Meine Damen und Herren, die Vermarktung regionaler Produkte ist ein Schlüsselfaktor für die ländliche Entwicklung! Denn regionale Produkte halten die Wertschöpfung dort, wo sie entstehen. Und die Verbraucher wollen Regionalität! Zwei Drittel der Verbraucher achten heute schon auf die regionale Herkunft ihrer Lebensmittel! Das hat jüngst eine Umfrage im Auftrag meines Ministeriums ergeben.
Das zeigt: Hier liegen enorme Chancen für die Wertschöpfung im ländlichen Raum! Das positive Image einer Region ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann! Denn regionale Qualitätsprodukte erzielen oft einen höheren Preis. Ich wünsche mir, dass die Verbraucher künftig immer auch ein Stück Heimat im Einkaufswagen haben!
Qualitätsregeln für Agrarprodukte
Aber, meine Damen und Herren, die Verbraucher müssen hier auch Sicherheit haben. Wo regional draufsteht, muss auch regional drin sein! Da muss die Politik klare Spielregeln vorgeben. Aus Brüssel kommen dafür positive Signale! Die Kommission hat kurz vor Weihnachten neue Qualitätsregeln für Agrarprodukte vorgestellt. Die Regelungen zum Geoschutz und zu traditionellen Spezialitäten sollen in einem einzigen Rechtsakt gebündelt werden!
- Das heißt: Klare Erkennbarkeit für den Verbraucher!
- Das heißt: Klarheit für Produzenten und Vermarkter!
- Und das ist ein großer Fortschritt!
Vermarktung regionaler Produkte - "Regionalsiegel"
Denn gerade der Geoschutz ist als Instrument für die Vermarktung regionaler Produkte sehr interessant. Meine Damen und Herren, auch die Bundesregierung kann für die Vermarktung regionaler Produkte neue Impulse setzen!
In diesem Zusammenhang fallen oft Begriffe wie "Regionalmarke" oder "Regionalsiegel". Ich habe es in der vergangenen Woche angekündigt: Ich werde mich für ein solches Regionalsiegel stark machen! Ich werde ein solches Regionalsiegel an klare Kriterien knüpfen. Verbraucher akzeptieren ein Siegel langfristig nur dann, wenn seine Vergabekriterien transparent und nachprüfbar sind.
So muss die Region klar abgrenzbar sein. Und es muss klar sein, wo welche Verarbeitungsschritte stattfinden. Die Leute wollen nicht wissen, wo ein Stück Fleisch verpackt wurde, sondern wo das Tier aufgewachsen ist! Und vielleicht auch, wie es gefüttert wurde! Ein solches Regionalsiegel kann einen wesentlichen Beitrag zu regionaler Wertschöpfung leisten!
Beispiele für regionale Wertschöpfung
Es gibt aber auch Beispiele, wo Unternehmer nicht auf die Einführung eines Regionalsiegels gewartet haben. Wie regionale Wertschöpfung funktioniert, sehen wir heute schon am Beispiel von "Linzgau Korn". Dort bilden engagierte Landwirte ein erfolgreiches Netzwerk. Im Linzgau produzieren sie erstklassiges Getreide. Das Getreide wird in einer Mühle schonend gemahlen. Und die Landbäckerei backt aus dem Mehl wunderbares Brot für die Kunden. Der Weg vom Korn zum Brot bleibt stets in der Region. So sehen Wertschöpfungsketten aus!
Und vor kurzem erreichte mich ein Brief der Gemeinschaft Mainfranken Bier. Sie möchte gemeinsam mit weiteren Partnern in fünf Bundesländern ein Programm zur Absatzförderung regionaler Spezialitäten starten. Das ist ein tolles Beispiel für private Initiative!
Diese Brauer sind bereit,
- neue Wege zu gehen,
- neue Trends zu erkennen und
- sie unternehmerisch umzusetzen!
Und deshalb sollen solche Vorreiter beim Zukunftsforum zu Wort kommen!
Politik für ländliche Räume
Meine Damen und Herren, Politik für ländliche Räume ist eine Querschnittsaufgabe. Nicht nur mein Ressort, viele Ressorts leisten hier wichtige Beiträge! In einer Arbeitsgruppe (IMAG) führen wir die Stärken verschiedener Ministerien zusammen.
Und diese Zusammenarbeit trägt erste Früchte: Mit dem "Handlungskonzept zur Entwicklung ländlicher Räume" haben wir einen guten Fahrplan für die nächsten Jahre!
Das Kabinett wird 2011 konkrete Maßnahmen für die ländlichen Räume vereinbaren! Und ich werde parallel den Dialog suchen
- mit den Ländern,
- mit den kommunalen Entscheidungsträgern und
- mit den Verbänden.
Wir brauchen sicher alle noch etwas Geduld. Aber wir sind auf dem richtigen Weg! Auf dem richtigen Weg sind wir auch bei der besseren Verzahnung unserer Fördermittel. Die Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK)" ist unser wichtigstes Förderinstrument.
Es ist aber nicht der einzige Fördertopf für ländliche Räume: Denken wir auch an die Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur! Wir werden diese Fördertöpfe besser aufeinander abstimmen. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber mehr Effizienz bei den Fördermitteln hilft am Ende allen!
Meine Damen und Herren, die Geschichte ländlicher Regionen zeigt: Manche Regionen haben einen Sprung gemacht und sich zu einer Fortschrittsregion entwickelt. Ich denke da an die positiven Erfahrungen beim Landtourismus! Unter der Marke "MV tut gut" präsentiert sich Mecklenburg-Vorpommern als Wellness-Land Nummer Eins.
Das zeigt: Wo die Leute neuen Mut schöpfen und anpacken, ja, da entstehen zeitgemäße und zukunftsträchtige Wertschöpfungsketten!
Modellregionen
Und deswegen werde ich im nächsten Jahr ausgesuchte ländliche Räume als Modellregionen fördern. Das bereiten wir in diesem Jahr schon gründlich vor. Mein Ziel ist es, in peripheren Regionen
- die regionale Wertschöpfung zu erhöhen,
- Arbeitsplätze zu sichern und
- neue zu entwickeln.
Wir können in diesen Modellregionen wichtige Erfahrungen sammeln. Sie dienen uns als Ideenschmiede und Zukunftslabor!
Perspektiven nach 2013 - Zukunft der GAP
Meine Damen und Herren, leistungsfähige Unternehmen und gesunde landwirtschaftliche Betriebe sind wichtig für die Stabilität ländlicher Regionen in ganz Europa. Die Kommissionspläne zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) bis 2020 haben deshalb für die Zukunft der ländlichen Räume eine immense Bedeutung.
Erste Vorschläge zur Zukunft der GAP liegen jetzt auf dem Tisch: Die EU-Kommission hat vor zwei Monaten ein erstes Optionenpapier vorgestellt.
Die Mitteilung der EU-Kommission ist eine gute Diskussionsgrundlage. Wir sind jetzt in Brüssel mittendrin in langen und harten Verhandlungen. Es geht um die besten Konzepte für die GAP bis 2020, noch nicht um detaillierte Zahlen.
Ich setzte mich dabei für eine starke erste und zweite Säule ein. Und zwar mit einer eindeutigen, verlässlichen Finanzgrundlage! Dabei ist eine klare Abtrennung und genaue Aufgabenteilung zwischen erster und zweiter Säule wichtig.
Ob
- Agrarumweltmaßnahmen
- Ausgleichszahlungen für benachteiligte Gebiete
- der Anreize für Investitionen innerhalb wie auch außerhalb der Landwirtschaft:
Mit den Mitteln der zweiten Säule können wir für die ländlichen Räume viel tun. Und das Förderspektrum der zweiten Säule hat sich bewährt! Lieber Herr Constantinou, ich denke die Kommission sieht das genauso.
Über den ELER-Fonds stellen wir bis 2013 fast 18 Milliarden Euro an europäischen und nationalen Fördermitteln bereit. Für die Zukunft gilt: Wir müssen die Förderung an den neuen Herausforderungen ausrichten.
Wir wissen, dass die ländlichen Räume in besonderem Maße vom demografischen Wandel betroffen sind. Und hier sind die Vorstellungen der Kommission noch sehr wage.
Wir müssen den integrierten Ansatz in der ländlichen Entwicklung stärker betonen! Wir brauchen Entwicklungs- und Förderstrategien, die spezifisch auf die jeweilige Region ausgerichtet sind. Nur so können wir das soziale und räumliche Gleichgewicht sichern!
Meine Damen und Herren, ich habe das schon bei meiner Eröffnungsrede gesagt und sage das auch hier: Deutschland kann den Reformplänen zuversichtlich entgegen sehen! Wir sind dafür gut vorbereitet. Vieles haben wir schon längst auf den Weg gebracht und werden es bis spätestens 2013 umsetzen:
Wir gewähren regional einheitliche Zahlungen für landwirtschaftliche Flächen! Anders als andere Mitgliedstaaten sind wir davon weg, dass der, der früher mal viel produziert hat, auch in Zukunft automatisch viel kriegt!
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich auch das klar sagen: Wir wehren uns nicht gegen das Greening in Europa! Wir haben das selbe Ziel. Über den besten Weg sind wir noch nicht einig. Aber deshalb verhandeln wir ja auch, und ich werde dazu Vorschläge machen.
Meine Damen und Herren, Ich bin davon überzeugt: Wir können die ländlichen Räume zukunftsfähig machen, wenn wir
- die Leistungsbereitschaft der dort lebenden Menschen,
- das Wertschöpfungspotenzial vor Ort und
- die Förderprogramme
sinnvoll miteinander verbinden. In vielen Gesprächen und Vorträgen können Sie sich heute und morgen austauschen. So können Sie vom reichhaltigen Erfahrungsschatz innovativer Unternehmer profitieren. Und dadurch können Sie die Chancen vor Ort erkennen und gewinnbringend nutzen.
Unser Forum trägt damit seinen Teil zur Zukunftssicherung der ländlichen Räume bei.
Dazu wünsche ich uns allen gutes Gelingen!

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