Den Wert von Lebensmitteln besser zu schätzen wissen!
Eröffnungsrede Internationale Grüne Woche 2011
- Datum:
- 20.01.11
- Ort:
- Berlin
- Redner:
- Bundesministerin Ilse Aigner
- Partnerland Polen
- Wert von Lebensmitteln
- Gemeinsame Agrarpolitik (GAP)
- Welternährung und Preisschwankungen
- Eröffnung
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
Partnerland Polen
Quelle: Messe Berlin
ich freue mich, viele bekannte Gesichter heute wiederzusehen. Im vergangenen Jahr war ich sehr viel unterwegs: in einem Großteil der Regionen unseres Landes und der Europäischen Union. Mit vielen von Ihnen, verehrte Gäste, habe ich im vergangenen Jahr konstruktive Gespräche über die Zukunft der Europäischen Agrarpolitik geführt.
Auch die Bande zu Polen, lieber Marek Sawicki, haben wir eng geknüpft.
Und so freue ich mich ganz besonders, dass Polen unser Partnerland bei der IGW 2011 ist. Polen ist seit 25 Jahren dabei, ohne Unterbrechung, jedes Jahr. Das wissen wir zu schätzen.
Vor 20 Jahren haben die Republik Polen und die Bundesrepublik Deutschland einen Vertrag geschlossen - über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Damals stand er auf dem Papier. Heute erfüllen wir ihn mit Leben. Aus Nachbarn sind Partner und Freunde geworden. Meine Damen und Herren, dabei werden wir Deutsche nie vergessen: In Polen hat in den achtziger Jahren eine Volksbewegung ihren Anfang genommen. Friedlich war sie. Mutig war sie. Und stark war sie. Dafür sind wir dankbar.
Heute ist Polen fest verankert im Zentrum der europäischen Gemeinschaft. Und in der zweiten Jahreshälfte steht Polen gar an der Spitze, wenn es die Präsidentschaft in der EU übernimmt. Auch das freut uns sehr.
Polen hat unsere Aufmerksamkeit. Wer nicht weiß, wo man Polen findet: Halle 11, unweit der Masurenallee - wo sonst? Herzlich willkommen, Polen!
Wert von Lebensmitteln
Meine Damen und Herren, die Grüne Woche ist alljährlich der große Jahresauftakt für die Land- und Ernährungswirtschaft. Am Beginn dieses Jahres steht leider auch ein echter Skandal. Dioxin wurde in Futtermitteln gefunden. Das hat uns alle sehr getroffen.
- Weil Verbraucher in ihrem Vertrauen auf sichere Lebensmittel erschüttert wurden.
- Weil sich Landwirte und Unternehmen in der Produktionskette auf saubere Zulieferungen verlassen haben und jetzt die Betrogenen sind.
- Ja, weil sogar Betriebe betroffen sind, die nicht Teil der Produktionskette waren.
Sie sind nun aber durch den Vertrauensverlust und Kaufzurückhaltung betroffen. Die Täter haben offenbar aus niederen Beweggründen und mit hoher krimineller Energie gehandelt. Und sie gehören deshalb scharf verurteilt! Auf dem Höhepunkt mussten in unserem Land 4.760 landwirtschaftliche Betriebe vorsorglich gesperrt werden. 673 sind es noch immer.
Landwirte können genauso wie die Verbraucherinnen und Verbraucher darauf vertrauen: Dieser Fall hat Konsequenzen! Denn die Sicherheit unserer Lebensmittel geht uns alle an! Politik und Verwaltungen haben zu Recht höchste Priorität auf den vorsorgenden Verbraucherschutz und auf die Aufarbeitung des Geschehens gelegt.
Und die Bundesregierung hat gestern meinen Aktionsplan im Kabinett beschlossen. Dieser Aktionsplan stellt die gesamte Futtermittelkette auf den Prüfstand - von den Futtermitteln bis zum Stall! Ich freue mich, dass Bund und Länder sich einig sind: Wir brauchen schärfere Kontrollen und mehr Transparenz für die Verbraucher.
- deshalb führen wir strengere Zulassungspflichten für Futtermittelunternehmen ein,
- deshalb trennen wir die Produktionsströme,
- deshalb müssen Hersteller und Labore demnächst Ergebnisse melden,
- deshalb machen wir eine umfassende Haftpflichtversicherung für Futtermittelhersteller verpflichtend und
- deshalb verbessern wir die Kontrollpraxis vor Ort.
Das gemeinsame Vorgehen von Bund und Ländern ist ein Zeichen der Geschlossenheit und Entschlossenheit. Wir werden dieses Programm schnell in die Tat umsetzen! Und wir werden auch unseren Landwirten zur Seite stehen, Sie sind unverschuldet Opfer dieses Skandals geworden. Nur durch konsequentes Handeln werden wir Verbrauchervertrauen wiederherstellen.
Darüber hinaus habe ich mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Gerd Sonnleitner vereinbart, dass die Landwirtschaftliche Rentenbank vergünstigte Kredite anbietet. Bauern, die unverschuldet in Not geraten sind, können so finanzielle Engpässe überbrücken.
Meine Damen und Herren, Sicherheit und Qualität sind Grundpfeiler des Arbeitens in unserer Land- und Ernährungswirtschaft. Und das aus gutem Grund: Lebensmittel sind keine Waren wie alle anderen. Lebensmittel sind Mittel zum Leben. Und deshalb haben sie unsere tägliche Wertschätzung verdient: Wir müssen den Wert von Lebensmitteln besser zu schätzen wissen!
Gemeinsame Agrarpolitik (GAP)
Den Wert von Lebensmitteln besser zu schätzen wissen heißt auch: Wir müssen bereit sein, die Leistungen zu würdigen, die Sie als Landwirte erbringen. Das sage ich auch in Zeiten heftiger Preiswettbewerbe: Qualität hat ihren Preis! Damit Sie als Erzeuger vernünftig wirtschaften können.
Zurzeit sprechen wir darüber, wie wir die Gemeinsame Agrarpolitik in der EU bis 2020 gestalten. Im November hat Dacian Ciolos für die Kommission die Vorschläge dazu präsentiert. Das war und ist eine gute Diskussionsgrundlage.
Wir führen diese Diskussion in Deutschland offensiv und sind offen für die Weiterentwicklung der Agrarpolitik. Unsere Ausgangslage ist gut. Denn bis 2013 werden wir einiges auf der Habenseite verbuchen können. Wir werden dann regional einheitliche Flächenprämien haben.
Bei uns gilt nicht mehr: Wer früher einmal viel produziert hat, bekommt auch in Zukunft automatisch viel Geld! Das ist jetzt auch in den Vorschlag der EU-Kommission eingegangen. Und wir unterstützen das.
Wir haben in Deutschland Landwirtschaft und Umwelt eng miteinander verknüpft. Ein großer Teil der Agrarförderung fließt bis 2013 in Grünlandgebiete und Agrarumweltmaßnahmen. Und das soll und das wird auch noch mehr werden. Darin sind wir uns einig. Über das Wie werden wir noch reden. Wir wollen Landwirtschaft mit der Natur machen und nicht gegen die Natur! Zugleich bekennen wir uns zur europäischen Solidarität.
Lieber Marek:, Wir – das ist die deutsche Politik und das sind die deutschen Bauern. Wir sind bereit dazu, auf einen Teil unserer jetzigen EU-Agrar-Mittel zu Gunsten der osteuropäischen Länder zu verzichten.
Das kann allerdings nicht in europäischer Vereinheitlichung enden! Dafür ist Europa zu unterschiedlich. Dafür sind die Mitgliedstaaten zu unterschiedlich. Wir wollen aber aufeinander zugehen. Nähern wir uns einander an! Schrittweise!
Meine Damen und Herren, Landwirte und Verbraucher sind natürliche Verbündete. Gerade in diesen Tagen geht es darum, dieses Bündnis zu erneuern. Landwirtschaft braucht das Vertrauen der Verbraucher! Ich habe deshalb zwei Initiativen auf den Weg gebracht.
Erstens: Ich habe einen Diskussionsprozess mit den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen angestoßen. Es geht um die Verankerung der Land- und Ernährungswirtschaft in der Gesellschaft. Es geht um die ganz großen Zukunftsfragen und die erkennbaren Zielkonflikte:
- um die Produktqualität und
- um Lebensmittelsicherheit.
Es geht aber auch
- um Nahrungs- und Energieproduktion,
- um Klimaschutz,
- um Naturschutz, Tierschutz und Artenvielfalt.
All das müssen wir miteinander in Einklang bringen. Diesen gesellschaftlichen Diskussionsprozess möchte ich in einer Charta für Landwirtschaft und Verbraucher zusammenführen!
Und zweitens: Verbraucher wollen immer stärker wissen, woher die Produkte stammen, die sie auf dem Teller haben. Deshalb will ich ein Regionalsiegel, das geknüpft ist an klare Kriterien. Die Region ist zur Marke geworden: in Deutschland, aber auch darüber hinaus. Damit setze ich mich auch für die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten ein.
Denn so können wir den Wert von Lebensmitteln noch besser herausstellen und beim Verbraucher Vertrauen zurückgewinnen.
Welternährung und Preisschwankungen
Meine Damen und Herren, wenn ich sage: Wir sollten den Wert von Lebensmitteln besser zu schätzen wissen - dann heißt das auch: Wir sollten die Ansprüche derer anerkennen, die nicht so viel haben wie wir!
Rund 900 Millionen Menschen hungern auf der Welt. Das Recht auf Nahrung ist das meist verletzte Menschenrecht! Das führt uns deutlich vor Augen, wie wertvoll Lebensmittel in Wahrheit sind. Und diese 900 Millionen Menschen sind es, die von extremen Preisschwankungen besonders betroffen sein können.
Mit Sorge schaue ich daher auf die Agrarrohstoffmärkte und auf die gestiegenen Preise auf dem Weltmarkt. Uns in Deutschland berührt das. Aber Entwicklungsländer, die auf Lebensmittel-Importe angewiesen sind - die trifft es hart.
Wir wollen nicht zurück zu den riesigen Vorratslagern! Wir wollen nicht zurück zur staatlichen Produktionssteuerung in Europa! Aber - wir wollen nach vorne im Kampf gegen den Hunger! Das Problem der Welternährung werden wir nicht damit lösen, dass nur jeder für seinen Eigenverbrauch produziert.
Welche Antwort sollen wir dann den Milliarden Menschen in den Städten geben? - Egal in welchem Land. Also brauchen wir eine nachhaltige Produktion, weniger Verluste bei Lagerung und Transport und wir brauchen Handel.
Wir brauchen einen Handel, der nach Regeln abläuft und der Leitplanken hat. Ja, Angebot und Nachfrage steuern in einer sozialen Marktwirtschaft den Preis. Aber Missbrauch oder Manipulation der Preise können die Steuerung stören. Und das wollen wir verhindern!
Fest steht: Agrarmärkte und Finanzmärkte lassen sich heute nicht mehr trennen. Landwirte sichern ihre Risiken über Finanzmärkte ab und müssen das auch können. Gerade deshalb ist es eine Aufgabe, die nur von der Weltgemeinschaft gelöst werden kann. Beim Agrarministergipfel werden wir mit vielen Kolleginnen und Kollegen darüber sprechen. Und unser Partner Frankreich wird das in die G20-Debatte einbringen.
Eröffnung
Gemeinsame offizielle Eröffnung durch Marek Sawicki, Minister für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der Republik Polen und Ilse Aigner, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz , Quelle: Messe Berlin
Meine Damen und Herren, die Grüne Woche ist eine ganz besondere Woche. Man kann Sie vergleichen mit einem Marathon der Superlative. Von Schleswig-Holstein über Nordrhein-Westfalen bis nach Bayern - von Deutschland über Polen bis nach Marokko und Afghanistan - weite Strecken liegen vor uns. Geschätzte 400.000 Teilnehmer werden an den Start gehen. Gegen mögliche Ermüdungserscheinungen gibt es Verpflegungsstände: Dort werden vielfältige deutsche und internationale Spezialitäten gereicht.
Die Taktiken der IGW-Läufer sind ganz unterschiedlich: Manch einer setzt auf Berliner Eisbein, lieber Klaus Wowereit, und versucht dann weiterzukommen. Andere schwören auf Piroggen mit Sauerkraut, lieber Marek, um Energie zu tanken. Und wiederum andere verzichten gleich ganz auf feste Nahrung und nehmen nur Flüssiges zu sich!
Die Regionen locken mit ihren Stärken. Schwäbische Maultaschen, Westfälische Mettwurst oder das Fischbrötchen aus dem hohen Norden - Viele regionale Produkte sprechen für sich und sie sprechen durch ihren Namen für ihre Heimat.
Ich freue mich, dass ich auch dieses Jahr wieder viele Menschen begrüßen kann, die mit großem Engagement ihre regionalen Spezialitäten präsentieren.
Der Startschuss für den Grüne Woche-Marathon kann gleich fallen. Der Regierende Bürgermeister läuft natürlich vorne weg. Angetrieben von der Befürchtung, er könnte dieses Jahr überholt werden. Aber ein kleiner Tipp: Ich bin eher Ausdauersportlerin als Sprinterin.
Ich wünsche uns allen einen genussvollen Lauf auf der IGW 2011! Es ist mir eine Freude und Ehre: Die Internationale Grüne Woche 2011 ist eröffnet!

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