Grußwort zur BMELV-Tagung "Arzneipflanzenanbau in Deutschland - mit koordinierter Forschung zum Erfolg"
- Datum:
- 25.10.10
- Ort:
- Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz
- Redner:
- Parlamentarische Staatssekretärin Julia Klöckner
- Der Arzneipflanzenanbau ist biobasiertes Wirtschaften
- Arzneipflanzenanbau in Deutschland
- Ziele der Veranstaltung
Es gilt das gesprochene Wort!
Anrede,
ich freue mich, Sie zur Tagung "Arzneipflanzenanbau in Deutschland - mit koordinierter Forschung zum Erfolg" begrüßen zu dürfen.
Arzneien und insbesondere die Verwendung von Pflanzen mit Heilwirkungen sind so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst. Während das Wissen um die heilende Wirkung bestimmter Pflanzen, die Verarbeitung zu Arzneimitteln und deren Dosierung früher ein wertvoller Erfahrungsschatz war, sind inzwischen einige Pflanzen leider in Vergessenheit geraten.
Heute bekommen die pflanzlichen Wirkstoffe wieder größere Aufmerksamkeit. Und das ist gut so: Arzneipflanzen mit ihren vielfältigen Inhaltsstoffen für die Herstellung von Phytopharmaka - also pflanzlichen Arzneimitteln, die vielfältigen Nutzungen in der kosmetischen Industrie sowie im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel tragen zu Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen bei.
Die Verwendung von Arzneipflanzen ist ein Markt der Zukunft. Schon seit einiger Zeit ist ein deutlicher Trend zur verstärkten Nutzung hochwertiger Produkte aus solchen nachwachsenden Rohstoffen zu erkennen.
Das ist ein innovativer Markt mit guten Zukunftsperspektiven: Sowohl der traditionellen als auch der neueren Verwendung von Arzneipflanzen werden gute Wachstumschancen mit hohen Wertschöpfungspotenzialen für Anbauer und Verarbeiter zugeschrieben. Diese Chancen sind nicht zuletzt auch dem demografischen Wandel geschuldet: Eine älter werdende Gesellschaft steht auch vor größeren medizinischen Herausforderungen.
Der Arzneipflanzenanbau ist biobasiertes Wirtschaften
Insgesamt ist heute die Nutzung nachwachsender Rohstoffe für ein zunehmendes biobasiertes Wirtschaften immer mehr gefragt. Die Verwendung der wertvollen biogenen Inhaltsstoffe von Arznei- und Pharmapflanzen bergen ein großes Potenzial für Wertschöpfung und Innovation, aber durchaus auch für den Klima- und Umweltschutz.
Innovationen helfen mit, Arbeitsplätze in Industrie und Landwirtschaft zu schaffen und zu erhalten. Das trägt auch zur Stärkung der ländlichen Räume bei.
Die Bundesregierung gibt dieser aktuellen Entwicklung mit ihrem Aktionsplan zur stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe einen zusätzlichen Schub. Mein Haus fördert nicht nur Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet, sondern will den Beteiligten aus Wirtschaft und Wissenschaft mit der heutigen Veranstaltung eine Plattform zur Fachinformation und zum Erfahrungsaustausch bieten.
Die Bundesregierung unterstützt mit ihrem Aktionsplan diesen Sektor mit einer ambitionierten Zielstellung: Die Anbaufläche für Arznei- und Gewürzpflanzen soll in Deutschland bis 2020 auf 20.000 ha ausgedehnt werden.
Arzneipflanzenanbau in Deutschland
Wie ist nun die derzeitige Marktsituation einzuschätzen?
Arznei- und Pharmapflanzen werden in Deutschland zur Herstellung von pflanzlichen Arzneimitteln (Human- und Veterinärmedizin) und in zunehmendem Maße für Kosmetika und Nahrungsergänzungsmittel verwendet.
Wir können in Deutschland insgesamt von einem Gesamtmarkt für Arzneipflanzen von circa 70 Millionen Euro pro Jahr ausgehen. Für die kommenden Jahre werden zweistellige (über zehn Prozent) Wachstumsraten prognostiziert.
Die pflanzlichen Arzneimittel selbst haben in Deutschland ein Absatzvolumen von circa 1,6 Milliarden Euro jährlich, auch mit weiter steigender Tendenz. Im Ergebnis ist Deutschland der mit Abstand wichtigste Markt für Arzneipflanzen in der EU.
Wo stehen wir mit der deutschen Produktion?
Derzeit werden auf circa 10.000 Hektar in Deutschland Arznei- und Gewürzpflanzen angebaut. In etwa 750 Betrieben, überwiegend in Thüringen, Bayern, Sachsen-Anhalt, Hessen, Niedersachsen, Sachsen und NRW, werden rund 75 verschiedene Arten von Arznei- und Gewürzpflanzen angebaut.
Der Marktanteil aus deutscher Erzeugung liegt derzeit aber - leider - unter 20 Prozent. Eine Ursache sind sicher die mitunter günstigeren Preise für Importware aus Südosteuropa oder Übersee.
Welche Stärken und Chancen hat der deutsche Arznei- und Gewürzpflanzenanbau?
Deutschland verfügt über gute Voraussetzungen für den Anbau von Arzneipflanzen:
- Es besteht eine kleine, aber gut vernetzte Forschung und Beratung.
- Die Verarbeiter können die Versorgung ihrer Unternehmen durch Vertragsanbau sichern.
- Durch kurze Wege zwischen Produzenten und Abnehmern ist auch das Monitoring zur Qualitätssicherung wesentlich einfacher und kostengünstiger.
- Bei uns wird mit umweltgerechten Anbaumethoden in hoher Qualität produziert. Die hohen Hygienestandards, der kontrollierte Anbau, die lückenlose Dokumentation und die Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe sind Alleinstellungsmerkmale für deutsche Produzenten.
Die steigende Nachfrage von Verarbeitern nach eben dieser "dokumentierten Ware" zeigt, dass die Vorteile des heimischen Anbaus von vielen bereits erkannt werden.
Was gibt es noch zu tun?
Aber nichts im Leben ist perfekt: In vielen Bereichen besteht derzeit noch Entwicklungsbedarf. Ohne dass sämtliche Akteure – vom Anbauer über den Verarbeiter bis zum Hersteller von Endprodukten - die gesamte Prozesskette auf ihrer jeweiligen Stufe optimieren, wird das Ziel nicht erreichbar sein. Denn gerade der Anbau von Arzneipflanzen braucht spezielle Kenntnisse und Erfahrungen sowie eine konsequente Weiterentwicklung der Wissensbasis.
Dabei denke ich zum Beispiel an solche Faktoren wie:
- Sortenoptimierungen und die Inkulturnahme weiterer, bisher in Deutschland noch nicht wirtschaftlich angebauter Arzneipflanzen,
- Verbesserungen der Ernte- und Bearbeitungstechnik oder
- Produktions- und Verfahrensoptimierungen zur Verbesserung der Erlöse für Anbauer und Verarbeiter.
Dafür ist es wichtig, dass die vorhandenen personellen Beratungs- und Forschungskapazitäten in ihrem Bestand gesichert werden. Dies gilt für Landeseinrichtungen und Universitäten ebenso wie für Einrichtungen auf Bundesebene. Nur so können die Erkenntnisse aus Drittmittelprojekten auch tatsächlich nachhaltig erschlossen werden.
Welche Rolle spielt die Bundesregierung dabei?
Vor allem durch die Förderung von Forschung und Entwicklung soll es den heimischen Anbauern ermöglicht werden, die Verarbeiter mit qualitativ hochwertiger Ware zu versorgen.
Ein von meinem Haus mit 4,5 Millionen Euro gefördertes Demonstrationsvorhaben zur Arzneipflanzenerzeugung in Deutschland soll die Wettbewerbssituation des heimischen Arzneipflanzenanbaus verbessern helfen. Damit wollen wir einen Beitrag leisten, damit auch die heimische Erzeugung am wachsenden Markt für Phytopharmaka noch stärker teilhaben kann.
Wie dies konkret aussehen kann, zeigt beispielhaft das bis 2013 laufende Demonstrationsprojekt "KAMEL". Der für Außenstehende sicherlich etwas erstaunliche Name setzt sich aus verschiedenen Buchstaben der Heilpflanzen Kamille, Melisse und Baldrian zusammen. Damit ist der Name zugleich Programm: Im Rahmen des Projekts werden diese Pflanzen züchterisch bearbeitet sowie technisch optimiert.
Das aus insgesamt 21 Einzelprojekten bestehende Verbundvorhaben setzt an der kompletten Wertschöpfungskette an und legt Schwerpunkte auf die Bereiche Züchtung, Anbau, Erntetechnologie und Aufbereitung. Als übergeordnetes Ziel streben die Forscher die qualitative und quantitative Ausweitung des Arzneipflanzenanbaus in Deutschland an, um Pharmahersteller und andere Verarbeiter besser mit herkunftsdokumentierter Qualitätsware zu versorgen.
Ziele der Veranstaltung
Im Rahmen dieser Tagung wollen wir erste Ergebnisse dieses Vorhabens präsentieren. Ziel ist es, die gewonnenen Erkenntnisse möglichst schnell in die Praxis einzuführen.
Ich wünsche uns allen interessante Vorträge, anregende Diskussionen und natürlich auch neue Kontakte.

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