Eröffnungsrede zum Fachkongress "Biobasierte Kunststoffe"
- Datum:
- 15.06.10
- Ort:
- Berlin
- Redner:
- Parlamentarische Staatssekretärin Julia Klöckner
Es gilt das gesprochene Wort!
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich, Sie zum Fachkongress "Biobasierte Kunststoffe" begrüßen zu können.
Noch vor 15 Jahren waren biobasierte Kunststoffe ein Randthema, das sich hauptsächlich in den Labors der Wissenschaft abspielte. Heute gehören biobasierte Kunststoffe zu den spannendsten und aussichtsreichsten Biomassenutzungen. Es gibt inzwischen eine rasch wachsende Vielzahl von Produkten auf Biomassebasis auf dem Markt, von den schon länger bekannten Verpackungen, über Handyschalen, bis hin zu Absätzen von eleganten Damenschuhen, wie ich mich auf der Grünen Woche überzeugen konnte.
Bei vielen Verwendungen ahnt der Verbraucher gar nicht, dass Biomasse drin ist. Viele Autositze, Türverkleidungen oder Armaturenbretter enthalten heute Biomassekomponenten. Die Automobilindustrie und andere Bereiche haben solche Materialien als wichtigen Baustein auch zur Reduzierung von CO2-Emissionen entdeckt.
Weltweit wird die Herstellung neuer hochwertiger biobasierter Werkstoffe, insbesondere Kunststoffe, als ein besonders innovativer Bereich mit hohen Wachstumschancen angesehen. Es gibt einen klaren Trend zur verstärkten Entwicklung und Anwendung neuer hochwertiger Kunststoffe mit maßgeschneiderten Eigenschaften. In nahezu allen Bereichen und vielen Ländern wird dazu intensiv geforscht und entwickelt.
Weg vom Öl durch biobasiertes Wirtschaften
Die Vorteile biobasierter Kunststoffe liegen auf der Hand: Mit der Nutzung nachwachsender Rohstoffe können wir durch die Kohlenstoffbindung der Pflanze einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.
Nicht zuletzt ist dies ein weiterer Schritt weg vom Erdöl. Mit biobasierten Kunststoffen können wir endliche fossile Rohstoffe ersetzen und damit zur Reduzierung von Importabhängigkeiten unserer Volkswirtschaft beitragen. Und wir können damit die enormen Risiken der Erdölnutzung für Mensch und Umwelt, die uns gerade wieder durch die Ereignisse im Golf von Mexiko massiv vor Augen geführt werden, ein Stück weit reduzieren.
Der Einsatz erneuerbarer, nachwachsender Rohstoffe ist dabei nicht der einzige, aber ein wesentlicher Bestandteil einer nachhaltigen Rohstoffnutzung, er ist gewissermaßen nur ein Eckpunkt eines Dreiecks zum pfleglichen Umgang mit unseren Rohstoffen. Die beiden anderen Eckpunkte dieses Dreiecks sind die Einsparung des Verbrauchs fossiler Ressourcen und die effizientere Verwendung dieser Ressourcen. Wenn es etwa um Verpackungen geht, so sind auch die Einsparung von Verpackungsmaterial und das Recycling neben der Umstellung auf Biomassebasis zentrale Ansatzpunkte.
Viele Experten gehen davon aus, dass der Höhepunkt der Erdölförderung bereits überschritten sei. Es werden zwar mit Hochdruck neue Technologien entwickelt, um die vorhandenen fossilen Ressourcen effizient zu nutzen. Es ist aber auch zukünftig, unabhängig von zeitlich begrenzten Preisentwicklungen an den internationalen Rohstoffmärkten, mit steigenden Preisen für knapper werdende fossile Rohstoffe zu rechnen. Deshalb sind Alternativen gefragt!
Der Einsatz von neuen biotechnologischen Verfahren in diesem Umfeld ermöglicht es, echte und zukunftsfähige Innovationen hervorzubringen. Innovationen, auf die Deutschland als technologieorientiertes Land in besonderem Maße angewiesen ist. Die Entwicklung neuer Technologien und Produkte war und ist eine Stärke der deutschen Unternehmen. Unsere leistungsfähige Industrie und eine starke Forschungslandschaft bieten dafür günstige Ausgangsbedingungen.
Innovationen wie diese helfen mit, Arbeitsplätze in Industrie und Landwirtschaft zu erhalten und durch die sich entwickelnden vielfältigen Wertschöpfungspotentiale neu hinzuzugewinnen. Dabei ist es wichtig, dass wir in Deutschland nicht nur an dem Thema forschen, sondern auch Produkte in den Markt bringen.
Die technischen Potenziale biobasierter Kunststoffe sind außerordentlich groß, sie werden aber in diesen Bereichen mit beispielsweise 5 bis 6 Prozent am Marktvolumen für alle biobasierten Polymere bei Weitem noch nicht ausgenutzt. Dieses Potenzial besser auszuschöpfen, ist die Herausforderung der Zukunft. Dabei können Sie auf die unterstützende Rolle der Politik setzen.
Rolle der Politik
Was tut die Politik, um biobasierte Kunststoffe voranzubringen?
Auf der europäischen Ebene hat die Leitmarktinitiative (LMI) der EU Kommission im Bereich biobasierte Produkte wichtige Anstöße geschaffen. Insbesondere die Initiierung eines Normungsprogramms für biobasierte Produkte insgesamt und die Entwicklung von Normen für Biopolymere ist dabei zu begrüßen. Denn fehlende internationale Standards und Zertifizierungsvorschriften bilden ein wichtiges Hemmnis für die Markteinführung von biobasierten Produkten. Deutsche Experten arbeiten bei den Normungsarbeiten intensiv mit.
Die neue EU-Kommission hat angekündigt, im Rahmen der EU-Strategie 2020 biobasierten Produkten besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Im Zuge der so genannten Innovationspartnerschaften bereitet sie eine Initiative vor, um den Anteil biobasierter Produkte von derzeit 8 bis 10 Prozent bis 2020 zu verdoppeln und entsprechende Maßnahmen festzulegen. Näheres wird der Vertreter der EU-Kommission sicher noch ausführen.
Auf der nationalen Ebene bildet der unter Federführung des BMELV in 2009 erarbeitete "Aktionsplan der Bundesregierung zur stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe" das Gerüst für den weiteren Ausbau der stofflichen Nutzung. Ziel des Aktionsplans ist eine deutliche und anhaltende Steigerung des Biomasseanteils und der Effizienz des Biomasseeinsatzes bei der Rohstoffversorgung. Derzeit arbeiten wir an der Umsetzung der dort festgelegten Maßnahmen. Eines von zwölf Handlungsfeldern betrifft dabei Maßnahmen zur Unterstützung von biobasierten Werkstoffen.
Unter anderem haben wir dazu im Mai bei einem Fachgespräch mit Vertretern der Wirtschaft die Möglichkeiten, aber auch die Hemmnisse bei der Entwicklung und Markteinführung von hochwertigen biobasierten Kunststoffen als Konstruktionswerkstoffe diskutiert. Es hat sich gezeigt, dass insbesondere noch anwendungsbezogene technologische Fragen, wie ausreichende Materialeigenschaften, angepasste Verarbeitungseigenschaften und Verarbeitungsmethoden sowie Fragen zur Wirtschaftlichkeit zu beantworten sind. Auch sind die Recycling- und Entsorgungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit einer beabsichtigten Kaskadennutzung noch zu klären. Es gibt also noch viel Bedarf für weitere Forschung.
Das BMELV fördert derzeit über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) unter anderem im Rahmen mehrerer Forschungsverbünde zahlreiche wissenschaftliche Ansätze im Bereich biobasierter Werkstoffe. Allein in den letzten 16,5 Jahren wurden vom BMELV 274 Vorhaben mit einem Fördermittelvolumen von 73,5 Millionen Euro in der Werkstoffentwicklung, Technologieanpassung und Marktvorbereitung gefördert.
Das BMELV ist bereit, weiterhin seinen Beitrag zur Entwicklung und Markteinführung biobasierter Werkstoffe in Zusammenarbeit mit anderen Ressorts der Bundesregierung zu leisten. Wir werden auch künftig aussichtsreiche FuE-Vorhaben unterstützen. Natürlich hängt dies maßgeblich vom verfügbaren Geld ab. Erst mit der Verabschiedung des Bundeshaushaltes 2011 durch die Bundesregierung in den nächsten Monaten gibt es hier eine Planungsgrundlage.
Mit Interesse beobachten wir die Bemühungen der Wirtschaft für ein einheitliches Label für biobasierte Kunststoffe. Wir begrüßen diese Aktivitäten sehr. Ein Wildwuchs verschiedener Labels sollte im Sinne von Transparenz für Wirtschaft und Verbraucher vermieden werden.
Das BMELV ist bereit, auf Basis eines solchen Labels Maßnahmen der Verbraucherinformation zu biobasierten Kunststoffen zu unterstützen. Ein Konzept dafür wird derzeit zusammen mit der FNR entwickelt. Eine enge Kooperation mit der Wirtschaft erachte ich bei der Umsetzung als wichtig.
Ziele der Veranstaltung
Meine Damen und Herren, die Veranstaltung heute und morgen soll unter anderem einen Überblick über laufende Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Bereich der biobasierten Kunststoffe geben, die das BMELV über die Fachagentur fördert. Die Veranstaltung wird sich aber auch mit der Marktsituation, den Rahmenbedingungen, mit Zertifizierungsfragen und Ökobilanzen in diesem Bereich befassen.
Ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, eine spannende und lohnende Veranstaltung mit vielen Informationen und fruchtbaren Diskussionen!

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