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"Kann uns die Politik vor schlechtem Essen schützen, oder muss jeder seine eigene Suppe auslöffeln?"

Datum:
22.01.12

Ernährungsministerin Ilse Aigner und Fernsehkoch Tim Mälzer diskutieren über ihre Essgewohnheiten, über Regionalkennzeichnung, Lebensmittelqualität und -preise, ausgewogene Ernährung und Ernährungsbildung, Verschwendung von Lebensmitteln und darüber, ob Massentierhaltung und Tierschutz vereinbar sein können.

Bild am Sonntag: Frau Ministerin Aigner, Sie eilen seit heute früh von Termin zu Termin. Was haben Sie heute gegessen?

Ilse Aigner: Zum Frühstück war ich bei der Kanzlerin, da gab es Erdbeerjoghurt, Rührei und Schinken, dazu Kaffee. In der Kabinettssitzung gab es dann Vitaminsaft, mittags eine Lasagne und Salat aus der Cafeteria im Ministerium, zwischendurch eine Mandarine.
Und Sie, Herr Mälzer?

Mälzer: Ich frühstücke nie.

Aigner: Das ist ungesund.

Mälzer: Nein, das ist nicht ungesund, das ist eine Frage des persönlichen Rhythmus. Morgens gibt es bei mir nur Kaffee, zu Mittag gab es hervorragende Gnocci mit Aprikosen und Pinienkernen bei „Käfer" in München.
Wann haben Sie zuletzt einen Burger gegessen?

Aigner: Das ist schon länger her, ich esse vielleicht alle sechs Monate mal einen Burger.
Und was kommt denn bei Ihnen gar nicht auf den Tisch?

Aigner: Ich mag Innereien nicht.

Mälzer: Also Dschungelcamp wäre nichts für Sie?

Aigner: Nein, und zwar aus mehreren Gründen (lacht).

Mälzer: Unter den Neujahrsvorsätzen ist das Abnehmen der absolute Renner. Fast drei Viertel der Deutschen nehmen sich dann vor, mehr Sport zu treiben und sich gesünder zu ernähren. Haben Sie diesen Vorsatz auch schon einmal gefasst?

Aigner: Meine Vorsätze habe ich dieses Jahr leider schon mehrfach gebrochen. Aber eigentlich ist es ja ein dauernder Vorsatz, denn es gibt ja nur zwei Möglichkeiten: entweder mehr Bewegung oder weniger Essen. Und für mehr Bewegung fehlt mir oft einfach die Zeit.

Mälzer: Die dritte Möglichkeit sind schwarze Rollkragenpullover, das kaschiert (lacht).
Kennen Sie Ihren Body-Mass-lndex?

Aigner: Den kann man ausrechnen. Ich bin da so an der oberen Normalgröße. Wenn es zu weit nach oben geht, ziehe ich die Zügel an.

Mälzer: Machen Sie dann eine Diät?

Aigner: Nein, ich esse dann einfach weniger Süßigkeiten, trinke keinen Alkohol und versuche, der größten Versuchung zu entsagen: gesalzenen Erdnüssen, am besten spät abends - das ist meine schlechte Leidenschaft.

Mälzer: Was schätzen Sie, ist mein Body-Mass-Index?

Aigner: 29.

Mälzer: Richtig, 29,7. Damit wäre ich nach der gängigen Definition fettleibig, dabei habe ich vielleicht maximal drei bis vier Kilos zu viel drauf. Mir ist das aus ästhetischen Gründen zu viel, nicht aus gesundheitlichen. Ich finde es unschön, wenn ich mir im Stehen mit freiem Oberkörper die Schuhe zubinde, das sieht einfach nicht mehr gut aus.

Aigner: Was ist Ihre größte Sünde beim Essen?

Mälzer: Ich bin maßlos. Ich fresse, ständig. Ich kann zwei Stunden lang essen, trinke einen Kaffee und könnte dann schon wieder weiteressen. Meistens fange ich an mit Spaghetti bolognese, nicht gleich morgens, aber so um 11 Uhr. Und ich mag leider den Kakao aus der Flasche, dieses fürchterliche synthetische Zeug. Das ist ein Geschmack aus der Kindheit, den ich gern mag, wie Ravioli aus der Dose oder Fischstäbchen.
Jeder zweite Deutsche ist zu dick, was für das Gesundheitswesen jährliche Kosten von 70 Milliarden Euro verursacht. Auch jedes zweite Kind ist schon zu dick. Woran liegt das?

Aigner: Ich habe in meiner Jugend Jazzgymnastik gemacht, damals waren nach meiner Erinnerung alle gertenschlank. Wenn ich aber heute Schulaufführungen sehe, dann ist das anders. Aber in meiner Jugend saßen die Kinder eben auch nicht vor dem Fernseher oder dem Computer, sondern haben draußen Fußball gespielt. Auch die Ernährung hat sich verändert: In meiner Kindheit gab es zum Beispiel nur einmal in der Woche Schokolade, bei meiner Oma.

Mälzer: Sie sind gegen eine Steuer auf Fett und Zucker, wie sie etwa Dänemark und Frankreich eingeführt haben. Alkohol und Tabak werden bei uns hoch besteuert. Warum haben Sie solche Angst vor einer Motivationssteuer für gesundes Essen?

Aigner: Die Beispiele, die Sie nennen, zeigen ja, dass solche Steuern nichts am Konsumverhalten ändern. Strafsteuern haben keine Lenkungsfunktion. Sehen Sie: Ich weiß doch, dass meine Erdnüsse sehr salzig sind und einen hohen Fettgehalt haben. Aber irgendwann habe ich Heißhunger und kaufe sie mir. Und wenn die Packung ein paar Cent teurer wäre, würde mich das nicht abhalten.

Mälzer: Jeder zweite Deutsche achtet inzwischen darauf, dass sein Essen aus der Region kommt. Doch auf der Buttermilch einer bayerischen Molkerei darf „von hier" stehen, selbst wenn die Milch dafür aus Tschechien kommt. Warum lassen Sie den Unternehmen das durchgehen?

Aigner: Ich werde jetzt ein erstes Konzept für ein neues „Regionalfenster" auf Lebensmittelverpackungen vorlegen. Mein Ziel ist es, in Deutschland eine klare und transparente Kennzeichnung für regionale Produkte durchzusetzen. Dieses Regionalfenster soll zunächst freiwillig verwendet werden, und die Herkunft des Produkts und der wichtigsten Zutaten transparent machen.

Mälzer: Wann wird diese Kennzeichnung kommen?

Aigner: Ich werde das Konzept im April mit den Landwirtschaftsministern der die Verbraucherschützer, die vielen erfolgreichen Regionalvermarkter und unsere Bauern ins Boot zu holen. Regionale Produkte sind ein Zukunftsmarkt - langfristig Erfolg werden sie aber nur haben, wenn sie das Vertrauen der Verbraucher finden. Wir haben in einer Umfrage herausgefunden: 79 Prozent der Verbraucher sind bereit, mehr Geld für regionale Lebensmittel auszugeben.. Aber nur 17 Prozent fühlen sich über die Herkunft regionaler Lebensmittel verlässlich informiert.
Herr Mälzer, woran erkennt man als Verbraucher gute Lebensmittel?

Mälzer: Indem man sich damit beschäftigt. Das sollte jeder Verbraucher tun! Essen hat Auswirkungen auf unsere intellektuelle, körperliche und soziale Entwicklung. Ich sage deshalb: Wenn Eltern ihr Kind mit Dosenfutter ernähren wollen, dann sollen sie sich lieber einen Hund kaufen.
Frau Aigner, worauf achten Sie beim Einkauf?

Aigner: Ich vertraue meinem Gefühl. Man darf sich nicht nur vom Aussehen leiten lassen. Bananen zum Beispiel esse ich gern reif, die dürfen auch Druckstellen haben.

Mälzer: Auf vermeintliche Qualitätssiegel achte ich nicht. Und in schönen Verpackungen ist selten das drin, was ich erwarte. Stattdessen versuche ich, meinen Kopf zu gebrauchen. Beispiel: Wenn auf dem Wochenmarkt ein einsames Schälchen Erdbeeren steht, aber 80 Bund Rote Bete. Dann denke ich: Die Erdbeeren haben jetzt keine Saison, die schmecken nicht gut, kommen von ganz weit her oder aus dem Treibhaus. Also nehme ich die Rote Bete.
Wenn wir einen Fernseher kaufen, vergleichen wir Dutzende Testergebnisse. Bei Lebensmitteln ist das anders: Jeder zweite Deutsche kauft seine Wurst mal eben beim Discounter. Achten wir beim Essen zu wenig auf Qualität?

Aigner: Alle Lebensmittel müssen sicher und qualitativ hochwertig sein - egal ob teuer oder günstig, egal ob aus dem Feinkostladen oder dem Supermarkt. Aber es stimmt: Viele Verbraucher beschäftigen sich lieber mit neuer Technik, mit ihrem Handy oder ihrem Auto. Aber Essen und Trinken sind unsere Grundbedürfnisse. Ernährungsfragen sind entscheidend, und deshalb brauchen sie einen höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft!
Herr Mälzer, viele Menschen sehen Ihre Sendungen als Ersatzhandlung für eigenes Kochen. Und sitzen dann mit Chips und Fertigpizza vor der Glotze. Ärgert Sie das?

Mälzer: Ich sehe das nicht so dramatisch: Ich schaue mir ja auch die Bundesliga im Fernsehen an und habe die letzten zehn fahre selbst nicht auf dem Fußballplatz gestanden. Und trotzdem glaube ich fest daran, dass ich mit meinen Shows viele Leute zum Kochen gebracht habe.
Ein Liter Milch für 50 Cent, ein Suppenhuhn für zwei Euro. Sind Lebensmittel in Deutschland zu billig?

Aigner: In Deutschland ist der Preisdruck sehr hoch. Wir beobachten im Handel eine harte Konkurrenz und einen teilweise ruinösen Preiskampf. Andererseits wählen die Verbraucher in Deutschland sehr stark nach dem Preis aus. Klar: Manche müssen jeden Cent umdrehen. Aber viele könnten bei Lebensmitteln auch ein paar Euro mehr ausgeben.

Mälzer: Ist es für einen Geringverdiener mit Familie überhaupt möglich, sich günstig und gesund zu ernähren?

Aigner: Ja, davon bin ich fest überzeugt. Wenn ich frische Waren einkaufe und mir etwas Zeit zum Kochen nehme, kann ich mich günstig und gesund ernähren.

Mälzer: Jeder Deutsche wirft im Schnitt jährlich 80 Kilo Lebensmittel weg. Wie wollen Sie die Verschwendung stoppen?

Aigner: Zurzeit läuft eine große Wegwerfstudie. Wir beleuchten damit die gesamte Lebensmittelkette - vom Bauern bis zur Biotonne der Verbraucher. Die bisherigen Trends zeigen: Ein Großteil der Lebensmittel in Privathaushalten wird wegen falscher Lagerung entsorgt, ein Teil auch wegen falscher Einkaufsplanung. Es gibt Untersuchungen, wonach 60 Prozent der Lebensmittelabfälle in den Haushalten vermeidbar sind.

Mälzer: Laut einer BUND-Studie ist durch Antibiotikagabe in der Massentierhaltung jede zweite Hähnchenfleisch-Probe keimbelastet. Warum wird es nicht einfach verboten, den Tieren massenweise Medikamente ins Futter zu mischen?

Aigner: Das ist schon längst verboten! Antibiotika dürfen nur zur Behandlung von Krankheiten, nicht aber zur Wachstumsförderung oder zur Überdeckung von Haltungsmängeln eingesetzt werden.

Mälzer: Trotz Verbot ist die Gabe aber gängige Praxis in vielen Mastbetrieben...

Aigner: Die aktuellen Erkenntnisse aus Nordrhein-Westfalen sind wirklich besorgniserregend. Ich erwarte, dass die zuständigen Landesbehörden stärker kontrollieren. Ich werde die Kontrollbefugnisse der Länder im Arzneimittelgesetz weiter verschärfen. Schon jetzt muss jeder Medikamenteneinsatz in den Stallbüchern festgehalten werden.
In Mastbetrieben werden auf einem Quadratmeter bis zu 25 Hühner gehalten. Herr Mälzer, halten Sie Massentierhaltung und Tierschutz überhaupt für vereinbar?

Mälzer: Jede Massentierhaltung ist wider die Natur. Hühnerfabriken wie die der Firma Wiesenhof halte ich für ethisch nicht vertretbar. So gesehen müsste ich Veganer werden, aber so weit bin ich noch nicht.

Aigner: Kann ein Hähnchen aus einer Massenmastanlage überhaupt gut schmecken?

Mälzer: Wenn ich als Koch alle meine Kunst aufwende, werden Sie den Unterschied zu einem Spitzenprodukt wohl nicht schmecken. Ich kann das aber meistens schon relativ gut unterscheiden, dafür ist die Fleischqualität aus der Mast zu schlecht.
Frau Aigner, im Vaterunser heißt es: „Unser tägliches Brot gib uns heute". Von Fleisch ist da keine Rede. Isst ein guter Christ heute besser vegetarisch?

Aigner: Nein, er ernährt sich ausgewogen. Aber als Katholikin gibt es für mich mindestens einen Tag in der Woche, an dem ich auf Fleisch verzichte.

Quelle: Bild am Sonntag vom 22. Januar 2012

Interview mit:
Bundesministerin Ilse Aigner
Fragen von:
Anna von Bayern und Adrian Pickshaus

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