"Lebensmittel brauchen mehr Wertschätzung"
- Datum:
- 20.01.12
Im Interview mit dem Münchner Merkur gibt Bundesministerin Ilse Aigner Auskunft über artgerechte Tierhaltung und den Einsatz von Antibiotika, erläutert ihre Vorstellungen von der Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik und skizziert, was sie tun will, um zu verhindern, dass wertvolle Lebensmittel in der Mülltonne landen.
Frage: Frau Aigner, bei der Grünen Woche geht es auch um gesunde Ernährung. Wann kommt in Deutschland wie in anderen Ländern eine Sondersteuer auf Chips und Cola?
Ilse Aigner: Ich will den Menschen nicht vorschreiben, was sie essen und trinken sollen. Ich halte solche Strafsteuern für Symbolpolitik. Sie sind pure Augenwischerei, weil sie in Wahrheit meist dazu dienen, klamme Staatskassen zu sanieren.
Frage: In Hähnchenfleisch wurden gefährliche Keime entdeckt, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken. Hände weg vom Geflügel?
Aigner: Als Verbraucher- und Landwirtschaftsministerin ist es mein Ziel, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung auf das absolut notwendige Maß zu beschränken und die Befugnisse der zuständigen Kontrollbehörden der Länder deutlich zu erweitern. Der Gesetzentwurf liegt auf dem Tisch. Es gibt aber heute schon strenge Regeln – und die müssen eingehalten werden. So ist ein Höchstmaß an Hygiene im Stall bis zum Schlachthof unerlässlich. Dass die strengen Auflagen auch befolgt werden, müssen die Länder kontrollieren. Zuhause ist dann der Verbraucher gefragt: Geflügel sollte vor dem Verzehr – wie üblich – gründlich erhitzt werden. Außerdem sind beim Umgang mit tierischen Lebensmitteln die Grundregeln der Küchenhygiene zu beachten.
Frage: Sie wollen ein neues regionales Siegel einführen. Was bringt’s und wann kommt’s?
Aigner: Für viele Verbraucher ist die regionale Herkunft ein entscheidendes Kaufargument. Die Menschen wollen wissen, woher ihr Essen kommt. Bei der Kennzeichnung "Aus der Region" darf es sich aber nicht um einen reinen Werbegag handeln. Deshalb werde ich im Rahmen der Grünen Woche Kriterien für eine transparente Kennzeichnung vorlegen – im Interesse der Verbraucher und schon existierenden Regional-Initiativen.
Frage: Millionen Tonnen Lebensmittel werden weggeworfen. Sie wollen den Wahnsinn reduzieren – wie denn bitte?
Aigner: Hier sind alle gefragt, die mit Lebensmitteln zu tun haben. Lebensmittel brauchen in Deutschland mehr Wertschätzung. Jährlich landen vagen Schätzungen zufolge bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Für Deutschland lasse ich die genaue Zahl derzeit ermitteln. Und wir entwickeln Strategien gegen die Verschwendung. Denn wir können uns das nicht mehr leisten, in jeder Hinsicht: Angesichts des Hungers auf der Welt, angesichts der Preise für Nahrungsmittel und angesichts der bei der Produktion unvermeidlichen Umweltbelastung muss ein Umdenken in unserer Überflussgesellschaft einsetzen. Und: Wer Abfälle vermeidet, spart bares Geld.
Frage: Deutschland wird Tag für Tag mehr zubetoniert. Bauern beklagen Flächenfraß. Was tun Sie dagegen?
Aigner: Wir müssen verhindern, dass sich der hohe Flächenverlust für die Landwirtschaft weiter verschärft. Wir brauchen dringender denn je produktive Flächen, die nachhaltig bewirtschaftet werden – für die Erzeugung von Lebensmitteln, aber auch für erneuerbare Energie. Damit der Versiegelung wertvoller Flächen entgegengewirkt werden kann, bereitet die Bundesregierung zum Beispiel ein Gesetz zur Stärkung der Innenentwicklung in Städten und Gemeinden vor.
Frage: Die EU-Agrarpolitik will die Gelder an die Landwirte mit noch mehr Ökoauflagen verknüpfen. Sehen Sie bei noch mehr Grün rot?
Aigner: Klar ist: Die deutsche Landwirtschaft erbringt heute schon enorme Umweltleistungen. Aber wir können noch besser werden. Ich bin mir mit den Landwirten einig: Nicht das Ob steht in Frage, sondern das Wie. Die EU-Kommission ist auf dem richtigen Weg – doch ihre aktuelle Vorlage ist mir viel zu kompliziert. Es darf kein bürokratisches Monster entstehen, das keiner umsetzen kann. Am Ende soll ein echter Mehrwert für Umwelt und Natur rauskommen.
Frage: Auf immer mehr Äckern wird Getreide für die Energiegewinnung angebaut. Haben wir bald nicht mehr genug Weizen fürs tägliche Brot?
Aigner Wir haben in Deutschland zwölf Millionen Hektar Ackerfläche – davon wurden 2011 auf rund zwei Millionen Hektar Energiepflanzen angebaut. Beides muss möglich sein, aber natürlich müssen wir die Entwicklung im Auge behalten. Im Zweifel gilt immer: Teller vor Tank. Die Produktion von Lebensmitteln muss immer Vorrang haben.
Frage: Bäuerliche Familienbetriebe machen den Charme Bayerns aus. Hat aber ein Milchviehbetrieb mit 30 Kühen eine Zukunft?
Aigner: Die Landwirte müssen sich auf die Herausforderungen der Zukunft optimal vorbereiten. Das ist nicht in erster Linie eine Frage der Betriebsgröße. Der Wettbewerb auf dem Weltmarkt wird schärfer. Deshalb sind unsere Landwirtinnen und Landwirte gut ausgebildet, haben betriebswirtschaftliches Wissen und kennen die Vermarktungsstrukturen – egal, ob es um den Weltmarkt oder den Wochenmarkt geht. Diese Aufgaben können die Bauern nur selbst in Angriff nehmen, der Staat ist nicht der bessere Unternehmer.
Frage: Kühe, die nie aus dem Stall kommen; Hühner, die ihr Dasein in Kunstlichthallen fristen. Ist das artgerechte Tierhaltung?
Aigner: Die Zukunft der Nutztierhaltung steht und fällt mit der Akzeptanz der Menschen. Bereits heute muss die Nutztierhaltung höchsten Anforderungen genügen. Dennoch müssen wir sie weiter verbessern – im Sinne der Landwirte, der Verbraucher und zum Wohl der Tiere.
Frage: In diesem Jahr wählen die Bauern einen neuen deutschen Bauernpräsidenten: Malen Sie sich doch mal Ihren Wunschkandidaten aus!
Aigner: Gerd Sonnleitner hinterlässt große Fußstapfen! Wie er, so sollte auch der neue Präsident auf jeden Fall ein großes Herz und viel Gespür für die Vielfalt der deutschen Landwirtschaft haben. Außerdem wünsche ich ihm viel Geschick und das notwendige Fingerspitzengefühl für ein vielseitiges, internationales Arbeitsfeld, das zu beackern ist.
Quelle: Münchner Merkur vom 20. Januar 2012
- Interview mit:
- Bundesministerin Ilse Aigner
- Fragen von:
- Claudia Möllers

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