"Was draufsteht, muss auch drin sein"
- Datum:
- 17.01.12
Zum Beginn der Grünen Woche in Berlin spricht Bundesministerin Ilse Aigner mit der "Welt" über verbesserte Lebensmittelkennzeichnung, tierschutzgerechtere Nutztierhaltung, den technologischen Fortschritt in der Landwirtschaft und ihren Wunsch nach mehr Wertschätzung für Lebensmittel.
Frage: Dioxin in Hühnereiern, antibiotikaresistente Keime auf Geflügelfleisch. Vergeht Ihnen da manchmal der Appetit, Frau Aigner?
Ilse Aigner: Nein - ich weiß, dass die Qualität unserer Lebensmittel in Deutschland und Europa sehr hoch ist. Alle Produkte, die auf den Markt kommen, müssen sicher sein. Dafür gibt es strenge Vorschriften für die Hersteller und Kontrollen seitens der zuständigen Länder. Und die Kontrollen sind ja gerade dazu da, um Mängel aufzudecken.
Frage: Schmeckt es Ihnen, wenn Sie daran denken, unter welchen Bedingungen Nutztiere oft gehalten werden?
Aigner: Der Tierschutz in der Landwirtschaft wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestärkt, auch auf europäischer Ebene. Richtig ist, dass wir ständig überprüfen müssen, ob die Haltungsbedingungen auch vertretbar sind. Ich werde deshalb das nationale Tierschutzrecht in entscheidenden Punkten verbessern - der Gesetzentwurf liegt bereits vor. Im Mittelpunkt steht dabei das Tierwohl.
Frage: Kann der Mensch sicher wissen, wann es einem Tier gut geht?
Aigner: Bei der Beurteilung des Tierwohls werden oft allzu menschliche Maßstäbe angelegt. Wo sich der Mensch wohlfühlt, muss sich nicht automatisch auch das Tier wohlfühlen. Der wichtigste Indikator ist die Tiergesundheit, denn tierschutzwidrige Haltungsbedingungen machen oft krank. Haltungssysteme etwa, die nur mit einem erheblichen Einsatz von Antibiotika funktionieren, müssen deshalb verändert werden.
Frage: Ist Massentierhaltung mit weniger Antibiotika überhaupt möglich?
Aigner: Schon ein gutes Stallmanagement mit sorgfältiger Hygiene und guter Belüftung kann helfen, Krankheiten zu verhindern, und den Einsatz von Medikamenten oft überflüssig machen. Die Gesundheit der Tiere hängt stark davon ab, wie der Landwirt oder die Landwirtin ihren Betrieb führen. Die allermeisten Landwirte gehen sehr gewissenhaft, verantwortungsvoll und fürsorglich mit ihren Tieren um. Unabhängig davon, ob der Stall groß oder klein ist.
Frage: Die Menschen wollen Fleisch essen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Warum setzen Sie der Massentierhaltung keine Grenzen?
Aigner: Das beginnt doch schon mit der Frage, wo Massentierhaltung eigentlich beginnt? Es ist nicht generell so, dass es einer großen Anzahl von Tieren in großen Ställen schlechter gehen muss und es wenige Tiere in kleineren Ställen grundsätzlich besser haben. Gerade moderne Großbetriebe erfüllen oft höchste Standards. Andererseits gibt es auch Grenzen des Wachstums. Wo diese Grenzen erreicht sind, müssen wir Änderungen vornehmen. So wollen wir die Förderung gezielt auf artgerechte Tierhaltungsformen konzentrieren statt auf Kapazitätsausweitungen.
Frage: Welchen Einfluss haben Handelskonzerne und Discounter, wenn es darum geht, Produktionsbedingungen in der Landwirtschaft zu verändern?
Aigner: Sie haben enormen Einfluss: Die Standards, die diese Unternehmen fordern, gehen zum Teil über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Zum Beispiel hat der Handel Eier aus konventioneller Käfighaltung schon längst ausgelistet, weil die meisten Verbraucher diese nicht wollen.
Frage: Wie groß ist die oft beschworene Macht der Verbraucher?
Aigner: Die Macht der Verbraucher ist groß. Sie allein entscheiden über den Erfolg oder Misserfolg eines Produkts oder einer Geschäftsidee. Mit ihrer Nachfrage können die Verbraucher auch bestimmte Produktionsweisen gezielt fördern. Sie brauchen dabei aber verlässliche Kennzeichnungen, um sich im Supermarkt orientieren zu können. Deshalb habe ich mich auf europäischer Ebene mit Erfolg für eine eingesetzt. Und ich trete dafür ein, EU-weit einheitliche Kriterien für eine tierschutzgerechtere Nutztierhaltung weiterzuentwickeln und eine entsprechende Tierwohlkennzeichnung einzuführen. So können die Verbraucher künftig selbst Einfluss auf die Haltungsbedingungen nehmen. Immer mehr Verbraucher sind bereit, für besonders hohe Standards mehr zu bezahlen. Mir ist wichtig, dass Siegel der Hersteller halten, was sie versprechen. Was draufsteht, muss auch drin sein.
Frage: Sollten die Verbraucher beim Einkaufen insgesamt wählerischer sein?
Aigner: Es ist wichtig, sich zu informieren und bewusst einzukaufen. Immer mehr Verbraucher schauen genauer hin, was und wo sie kaufen. Und sie lassen sich nicht nur vom Preis leiten.
Frage: In den Köpfen hält sich eine verklärte Vorstellung vom Bauernhof. Brauchen wir ein realistischeres Bild von der heutigen Landwirtschaft?
Aigner: Unbedingt. Niemand würde zu Hause in seiner Küche noch so hantieren wollen wie vor 50 Jahren. Wir haben Spülmaschinen, Mixer, Kühlschränke und Kaffeeautomaten. Technologischer Fortschritt ist doch etwas Positives. Ich möchte nicht darauf verzichten. Satellitennavigation, Melkmaschine und Mähdrescher erleichtern den Arbeitsalltag der Bauern. Manche Verbraucher aber sehen Technik in der Landwirtschaft eher kritisch oder verteufeln sie sogar.
Frage: Woran liegt es?
Aigner: Lebensmittelhersteller erzeugen ein Zerrbild, wenn sie nur mit romantischen Motiven für ihre Produkte werben: mit Kühen vor Alpenpanorama, niedlichen Küken im Stroh oder Mägden, die gusseiserne Milchkannen über den Hof tragen. Das ist aber auch die Wunschvorstellung vieler Verbraucher. Denken Sie mal drüber nach, unter welchen hygienischen Bedingungen die Milch damals produziert und transportiert wurde und wie schnell sie früher verunreinigt werden konnte. Heute sind Hygienestandards und Kontrollen um ein Vielfaches schärfer. Ich habe gerade eine moderne Molkerei in Bayern besucht, die beinahe unter OP-Bedingungen arbeitet.
Frage: Die Ernährungswirtschaft hat angekündigt, dass die Preise für Lebensmittel in diesem Jahr um drei bis vier Prozent steigen. Was erwarten Sie?
Aigner: Tatsache ist: In Deutschland sind die Lebensmittelpreise so niedrig wie in kaum einem anderen Land der EU. Tatsache ist aber auch: Das Preisniveau wird steigen - wegen höherer Lohn- und Energiekosten, aber vor allem, weil die Rohstoffe teurer werden. Das ist ein weltweiter Trend und für viele ärmere Länder eine Schicksalsfrage. Höhere Preise sind in reichen Ländern wie Deutschland eher verkraftbar, in Entwicklungsstaaten kann schon ein geringer Preisanstieg die Existenz von Millionen bedrohen.
Frage: Die Verbraucher empören über Massenproduktion, werfen aber auch Unmengen von Lebensmitteln in den Müll. Wie passt das zusammen?
Aigner: Jahr für Jahr werden zwischen sechs und 20 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll geworfen. Die Schätzungen gehen weit auseinander. Um Klarheit zu schaffen, lasse ich in einer Studie untersuchen, wo welche Mengen weggeworfen werden. Und wir sorgen für mehr Aufklärung, etwa über das Mindesthaltbarkeitsdatum. Manche Verbraucher unterliegen dem Missverständnis, dass es sich um ein Verfallsdatum handelt.
Frage: Sie wünschen sich mehr Wertschätzung für Lebensmittel. Wie wollen Sie das erreichen?
Aigner: Ich freue mich, dass der Trend zu Kochshows, Kochbüchern und Kochkursen ungebrochen ist. Das alles trägt dazu bei, sich über Lebensmittel mehr Gedanken zu machen. Wir müssen das Bewusstsein der Verbraucher für den Wert der Lebensmittel schärfen. Wir alle müssen uns wieder bewusster machen, wie viel Energie und Ressourcen nötig sind, um jeden Tag hochwertige Nahrungsmitteln herzustellen.
Frage: Jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist zu dick, was enorme Gesundheitskosten verursacht. Muss sich die Politik stärker einmischen?
Aigner: Die Politik kann den Menschen nicht vorschreiben, was sie essen sollen. Sie kann und sollte aber aufklären und informieren, wie wichtig gesunde Ernährung und Bewegung sind. Ein Leben ohne Übergewicht ist angenehmer - das ahnt jeder, der mit einem Getränkekasten Treppen steigt und das zusätzliche Gewicht in seinen Gelenken spürt.
Frage: Können sich auch Menschen mit einem kleinen Geldbeutel einen gesunden Lebensstil leisten?
Aigner: Ich behaupte: Ja, das ist möglich. Es kostet jedoch Zeit, sich zu informieren. Und es ist aufwendiger, sich zu Hause aus frischen Zutaten eine Mahlzeit zuzubereiten, als schnell in der Mikrowelle ein Fertiggericht aufzuwärmen. Unterm Strich ist Kochen gesünder und preiswerter.
Quelle: Die Welt vom 17. Januar 2012
- Interview mit:
- Bundesministerin Ilse Aigner
- Fragen von:
- Claudia Ehrenstein

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