"Ich will den Menschen nicht vorschreiben, was sie essen sollen"
- Datum:
- 16.01.12
Im Bild-Interview spricht Bundesministerin Ilse Aigner über die Reduzierung des Antibiotika-Einsatzes in der Tierhaltung und die verlässlichere Kennzeichnung regionaler Produkte und erläutert, warum sie eine Steuer auf ungesunde Lebensmittel ablehnt.
Frage: Im letzten Jahr Dioxin, jetzt Antibiotika in der Tierhaltung. Hört das nie auf?
Ilse Aigner: Es muss verhindert werden, dass Antibiotika, die wir auch für die Behandlung beim Menschen brauchen, durch übermäßigen Einsatz im Stall ihre Wirkung verlieren. Deshalb muss der Verbrauch auf ein Mindestmaß reduziert werden! Ich habe die Vorschriften verschärft – im Herbst können sie in Kraft treten. Wer Antibiotika einsetzt, um Hygiene-Mängel im Stall zu überdecken, macht sich strafbar – das gilt heute schon. Die Länder müssen allerdings ihre Kontrollen verschärfen und Missbrauch stärker bekämpfen.
Frage: Hat sich das Kaufverhalten verändert? Wo kaufen Sie selber ein – Discounter, Bioladen, Wochenmarkt?
Aigner: Ich kaufe überall ein – je nachdem, was ich brauche. Wir stellen fest, dass die Verbraucher immer bewusster kaufen. Und dass sie immer öfter regionale Produkte wählen, weil sie kurze Wege wollen und den Bauern ihrer Region vertrauen. Nach einer Emnid-Umfrage für mein Ministerium achten 48 Prozent der Bürger darauf, dass Lebensmittel aus einer bestimmten Region kommen. 45 Prozent kaufen regionale Waren auf dem Wochenmarkt, 41 Prozent direkt beim Bauern.
Frage: Ist das nicht viel teurer?
Aigner: Das muss nicht sein. Außerdem wären laut unserer Umfrage 79 Prozent der Verbraucher bereit, mehr Geld für regionale Lebensmittel auszugeben. Immer mehr Landwirte in Deutschland erkennen und nutzen diesen Trend. Auch wenn Supermärkte noch für 86 Prozent der Deutschen die häufigste Bezugsquelle sind – es gibt eine Renaissance des Regionalen!
Frage: Laut ,Ökotest‘ waren von 53 regionalen Produkten nur 14 echt ...
Aigner: Ich will, dass Verbraucher besser gegen Täuschung geschützt sind. Was auf Lebensmitteln draufsteht, muss auch drin sein! Ich will klare Kriterien für Regionalsiegel auf den Weg bringen – bei der ,Grünen Woche‘ in Berlin lege ich ein erstes Konzept vor.
Frage: Schwarzwälder Schinken muss in der Region verarbeitet sein, das Fleisch kann aber überall aus Europa stammen...
Aigner: Das ist nach der europäischen Definition so. Ich will aber mehr – auf freiwilliger Basis. Dafür brauchen wir klare Regeln: Wie groß darf eine Region sein, wie viele Zutaten müssen daher stammen? Genügt es, dass der Quark aus der Region kommt oder gilt das auch für die Früchte oder für das verwendete Futtermittel bei Tieren, deren Milch verarbeitet wird? Die Hersteller müssen mehr Transparenz schaffen! 75 Prozent der Befragten meinen, verbindliche Kriterien für Regionalsiegel würden mehr Vertrauen schaffen. Bisher fühlt sich nicht mal jeder Fünfte ausreichend informiert.
Frage: Werden Lebensmittel insgesamt teurer, wenn es immer mehr Kontrollen gibt?
Aigner: Die Sicherheit von Lebensmitteln hat absolute Priorität! Die Verbraucher müssen sich darauf verlassen können, dass alle Waren sicher sind – egal, ob sie im teuren Feinkostladen, auf dem Markt oder im Discounter gekauft werden. Hersteller und Handel müssen strenge Vorgaben einhalten – unabhängig von den Kosten. Die Wirtschaft weiß: Das Vertrauen der Kunden ist ihr größtes wichtigstes Kapital.
Frage: Kann man Öko-Ware nach dem jüngsten Bio-Betrug in Italien noch trauen?
Aigner: Das Bio-Siegel genießt in Deutschland hohes Vertrauen – zurecht, denn bei uns gibt es strenge Kontrollen. Damit Betrug schneller auffliegt, haben wir bei uns öffentliche Verzeichnisse der geprüften Bio-Betriebe. Ich setze mich dafür ein, dass wir künftig ein einziges europaweites Verzeichnis bekommen.
Frage: Auch immer mehr Deutsche, gerade Kinder, haben Übergewicht. Würde dagegen eine Zucker- oder Fettsteuer helfen?
Aigner: Ich will den Menschen nicht vorschreiben, was sie essen sollen. Eine Strafsteuer für vermeintlich ungesunde Lebensmittel wird es mit mir nicht geben. Einzelne EU-Staaten haben solche Steuern eingeführt. Aus meiner Sicht ist das Augenwischerei. In Wirklichkeit geht es bei solchen Strafsteuern nicht darum, dass die Menschen schlanker werden, sondern dass die Staatskasse voller wird.
Quelle: Bild vom 16. Januar 2012
- Interview mit:
- Bundesministerin Ilse Aigner
- Fragen von:
- Angi Baldauf

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