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"Wir müssen Strategien gegen die tägliche Verschwendung von Lebensmitteln entwickeln"

Datum:
07.10.11

Zum Erntedankfest 2011 sprach Bundesministerin Ilse Aigner mit der BZ am Sonntag über die Wertschätzung von Lebensmitteln.

Frage: Frau Ministerin, was essen Sie am liebsten?

Ilse Aigner: Alles querbeet, eher in Richtung salzig als süß, aber auch gern mal Kuchen. Ich mag Marmelade zum Frühstück, tagsüber Äpfel oder Salat oder auch mal ein Käsebrot. Zum Einkaufen gehe ich ganz normal in den Supermarkt oder auf den Wochenmarkt.

Frage: Kochen Sie manchmal?

Ilse Aigner: Leider eher selten, weil die Zeit fehlt. Aber ich kann’s, und ich mach’s gern, vor allem im Urlaub. Dann gibt’s Nudeln mit schönen Soßen, süßen Schmarrn oder Fleischpflanzerl.

Frage: Achten Sie auf Kalorien?

Ilse Aigner: Klar, obwohl ich bei Erdnüssen schon mal schwach werden kann. Gerade war ich in den USA, da schreiben manche Restaurants auf den Speisekarten die Kalorienzahlen dazu. Das fand ich gut. Wenn man das Deftige liebt, hat man da echte Aha-Erlebnisse.

Frage: Die Lebensmittelpreise steigen spürbar. Warum?

Ilse Aigner: Die Weltbevölkerung wächst – jedes Jahr kommen rund 80 Millionen Menschen hinzu, das entspricht der Einwohnerzahl Deutschlands. Gleichzeitig steigt der Konsum in den Schwellenländern. Das führt zu steigenden Preisen. Bei Feldfrüchten und Milchprodukten gibt es seit jeher ernte und nachfrageabhängige Preisschwankungen, diese sind durch den Abbau der EU-Subventionen spürbarer geworden.

Frage: Ist das auch Schuld der Spekulanten?

Ilse Aigner: Spekulation erzeugt nicht die Preissteigerung, aber sie kann Schwankungen verstärken. Um die Spekulationen mit Lebensmittel einzudämmen, wollen die großen Industriestaaten der G20 jetzt die weltweiten Lagerbestände wichtiger Grundnahrungsmittel erfassen. Transparenz ist das wirksamste Mittel gegen Spekulanten. 2010 hatte Russland wegen schlechter Ernten einen Exportstopp für Getreide verhängt, sofort trieben Spekulanten die Preise hoch. Hätten damals alle gewusst, dass es genug Weizen auf der Welt gab, hätte das nicht funktioniert.

Frage: Warum sind die Deutschen beim Essen so preisbewusst, um nicht zu sagen: geizig?

Ilse Aigner: Tatsächlich geben die Deutschen nur knapp 10 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, in Frankreich und Belgien sind es 12 Prozent, in Italien 14. Offenbar ist die Wertschätzung für gutes Essen in unserer Kultur weniger ausgeprägt. Andererseits erleben wir in Deutschland einen einzigartigen Preiswettkampf. Die Dichte der Discounter ist bis zu fünfmal so hoch wie zum Beispiel in England.

Frage: Trotz Sparsamkeit werfen die Deutschen im Jahr bis zu 20 Mio. Tonnen Essen weg.

Ilse Aigner: Zurzeit gibt es nur Schätzungen, und die reichen von 6 bis zu 20 Millionen Tonnen im Jahr. Das sind Unmengen! Selbst bei einer vorsichtigen Schätzung würde die Menge weggeworfener Lebensmittel eine gigantische Kolonne von 20-Tonnen-Lastwagen füllen, die Stoßstange an Stoßstange von Madrid bis Warschau stehen. Ich habe jetzt eine Studie in Auftrag gegeben, um erstmals herauszufinden, wie hoch der Verlust tatsächlich ist und wie Verbraucher, Produzenten und Handel gegensteuern können. Wir müssen Strategien gegen die tägliche Verschwendung entwickeln.

Frage: Wie könnten die aussehen?

Ilse Aigner: Zunächst einmal kann jeder Verbraucher selbst einen Beitrag leisten. Das beginnt beim überlegten Einkaufen, geht weiter über die Verwertung von Resten bis hin zu dem Bewusstsein, dass ein Mindesthaltbarkeitsdatum kein Verfallsdatum ist.

Frage: Verschlimmert unsere Verschwendung den Hunger in der Welt?

Ilse Aigner: Indirekt. Denn alles, was produziert wird, kostet wertvolle Ressourcen, Flächen und Energie, die der Welterzeugung an anderer Stelle abgehen. Zudem wird mit der Produktion für den Mülleimer der Ausstoß von Klimagasen in die Höhe getrieben. Aber es gibt auch handfeste ökonomische Gründe für mehr Sparsamkeit: Nach ersten Schätzungen wirft jeder Deutsche im Schnitt im Jahr Essen für 310 Euro weg.

Frage: Seit Juli gibt es das Internet-Portal lebensmittelklarheit.de. Ihre Bilanz?

Ilse Aigner: Das Portal ist ein großer Erfolg. Binnen weniger Wochen sind mehr als 2500 Produkt-Meldungen bei den Verbraucherzentralen eingegangen. Jede Woche kommen rund 200 neue Meldungen hinzu. Das zeigt, dass es bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln großen Diskussionsbedarf gibt. Wir haben auf europäischer Ebene erfolgreich für eine bessere Kennzeichnung gekämpft – da werde ich auch in Zukunft nicht lockerlassen.

Quelle: BZ am SONNTAG, 2. Oktober 2011

Interview mit:
Bundesministerin Ilse Aigner
Fragen von:
Ulrike Ruppel

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verweist auf: www.lebensmittelklarheit.de (verweist auf: Internetportal "lebensmittelklarheit.de" (Öffnet neues Fenster))

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