"Sinnvoll ist ein europaweites Tierschutzlabel für besonders hohe Kriterien"
- Datum:
- 14.02.11
Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner fordert ein EU-weites Tierschutzlabel nach dem Vorbild des Bio-Siegels, denn "Der Verbraucher muss erkennen können, wer besonders hohe Standards tier- und umweltgerechter Haltungsformen erfüllt", erklärt die Ministerin der Neuen Osnabrücker Zeitung im Interview.
Frage: Frau Aigner, was läuft beim Tierschutz falsch?
Ilse Aigner: Ich warne vor Pauschalurteilen: Die Landwirtschaft in Deutschland erfüllt bereits heute hohe Standards - beim Umwelt- ebenso wie beim Tierschutz. Das liegt ja auch im Interesse der Landwirte, denn kein Betrieb könnte auf Dauer bestehen, würde er nicht nachhaltig wirtschaften. Aber es gibt einzelne Bereiche wie etwa die Ferkelkastration oder den Schenkelbrand, in denen sehe ich Handlungsbedarf. Bund und Länder, Wirtschaft und Verbände sind gefordert, die moderne Nutztierhaltung Schritt für Schritt weiter zu entwickeln und weiter zu verbessern - im Sinne unserer Landwirte und Verbraucher und zum Wohl der Tiere. Bei der "Charta für Landwirtschaft und Verbraucher", die zur Zeit erarbeitet wird, werden wir uns natürlich auch kritisch mit der Erwartungshaltung der Verbraucher auseinandersetzen und mit Missverständnissen.
Frage: Wo sehen Sie Missverständnisse?
Aigner: In der Fernsehwerbung entsteht Schinken in liebevoller Kleinarbeit - und die Magd schlägt die Sahne von Hand zu Butter. Jeder weiß: Das sind romantische Bilder, die mit moderner Ernährungswirtschaft nichts zu tun haben. Und doch erwarten viele Verbraucher - sicherlich auch beeinflusst durch solche Bilder -, dass Landwirtschaft noch wie vor 50 Jahren funktioniert. Obwohl im Privathaushalt heute niemand mehr die Waschmaschine gegen das Waschbrett tauschen würde. Auch in der Landwirtschaft hat sich technologisch vieles verändert - und in vielen Fällen trägt die Technologie zu mehr Nachhaltigkeit bei.
Frage: Niedersachsen stellt an diesem Montag eine eigene Tierschutz-Initiative vor. Kritik gibt es aus Hannover an Ihren Vorschlägen, die Kleingruppenhaltung von Legehennen zu stoppen und Brandzeichen für Pferde künftig zu verbieten. Wie wollen Sie einen Kompromiss finden?
Aigner: Ich begrüße diese Initiative ausdrücklich, das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Mein niedersächsischer Kollege Gert Lindemann und ich, wir haben uns erst vergangene Woche in Berlin getroffen und werden uns auch in Zukunft eng abstimmen. Ich bin zuversichtlich, dass wir in allen anstehenden Fragen zu guten Lösungen kommen. Was die Legehennen-Haltung betrifft, müssen wir allein schon wegen des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zu einer Neuregelung kommen. Ich bin dafür, beim Neubau von Anlagen künftig nur noch Boden-, Freiland- und Öko-Haltung zuzulassen - für bestehende Betriebe müssen wie üblich Übergangsfristen gelten. Was die Pferde betrifft, ist ein Transponder, also ein implantierter Kennzeichnungs-Chip, bereits heute verpflichtend. Auf ein zusätzliches Brandzeichen sollte deshalb mit Blick auf den Tierschutz verzichtet werden.
Frage: Tierschutz ist keine Einbahnstraße. Was erwarten Sie von den Verbrauchern?
Aigner: Klar ist: Wer als Verbraucher auf besonders tier- und umweltgerechte Haltungsformen Wert legt, muss bereit sein, auch mehr dafür zu bezahlen. Der Verbraucher muss aber auch erkennen können, wer besonders hohe Standards erfüllt. Sinnvoll ist dazu ein europaweites Tierschutzlabel für besonders hohe Kriterien, deren Einhaltung streng kontrolliert wird. Die Kriterien müssen nicht nur deutlich strenger ausfallen als die gesetzlichen Vorgaben, sondern auch nachvollziehbar für die Kunden sein. Werbesprüche mit vagen Angaben wie "tierschutzgerecht" gehören da nicht hin.
Frage: In wessen Zuständigkeit würde die Implementierung eines solchen TS-Labels fallen?
Aigner: Ich setze mich dafür ein, dass die EU Mindestanforderungen für ein europaweites Tierschutzlabel festlegt, nach dem Vorbild des Bio-Siegels. Die Diskussionen laufen. Ich mache Druck und hoffe, dass wir möglichst schnell zu greifbaren Ergebnissen kommen.
Frage: Sehen Sie einen Bewusstseinswandel beim Essverhalten der Verbraucher?
Aigner: Ja, die Zahl derer, die ihre Lebensmittel nach besonderen Kriterien auswählen, wächst. Den einen geht es um ökologische und soziale Aspekte, andere setzen auf Regionalität oder Tierschutz. Deshalb ist es für mich wichtig, dass man so etwas an der Kennzeichnung erkennen kann und es sich nicht um einen Werbegag handelt. Die Verbraucher müssen mit der Wahrheit bedient werden.
Frage: Wo müssten bei der intensiven Tierhaltung die Weichen neu gestellt werden?
Aigner: Entscheidend ist das Tierwohl. Bei einigen Haltungsformen wie den Legehennen müssen wir die rechtlichen Vorgaben überarbeiten, bei anderen wie der Geflügelmast kommt es auf eine konsequente Umsetzung geltender Bestimmungen an. Hier darf bei Missständen keiner wegsehen.
Frage: Was wird künftig eine nachhaltige Landwirtschaft auszeichnen?
Aigner: Kurz: Sie darf nicht über ihre Verhältnisse leben, muss die Ausbeutung von Ressourcen vermeiden. Die Devise muss lauten, nicht mehr zu ernten als man aussät. Ansonsten setzen wir unsere Lebensgrundlagen aufs Spiel - und die Landwirte zusätzlich ihre Wirtschaftsgrundlage.
Frage: Der Bauernverband wirft Ihnen wegen der Tierschutz-Pläne Populismus vor. Trifft Sie der Vorwurf?
Aigner: Ich rate allen Beteiligten zur Sachlichkeit. Was ich auf den Tisch gelegt habe, sind die wichtigsten Punkte für diese Legislaturperiode. Diesen Vorhaben sollten wir uns jetzt gemeinsam stellen. Ich sehe in vielen Punkten Zustimmung auch seitens der Landwirte. So existieren etwa beim Thema Ferkelkastration Beschlüsse, die klar den Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration zum Ziel haben und die auch der Bauernverband unterschrieben hat.
Frage: In den nächsten Tagen beginnt die für den Öko-Landbau zentrale Messe BioFach. Sollte den Biobauern mehr Bedeutung zukommen?
Aigner: Die BioFach in Nürnberg wird zeigen, dass die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln ungebrochen ist. Der Bio-Sektor hat weltweit wachsende Bedeutung. Unsere Landwirtschaft hat die Chance, die wachsende Nachfrage langfristig mit heimischen Produkten zu decken.
Quelle: Ausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 14. Februar 2011
- Interview mit:
- Bundesministerin Ilse Aigner
- Fragen von:
- Klaus Jongebloed

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